Von Elisabeth Binder

Der alte Kaufladen steht zum Verkauf. Nicole kramt die Spielzeugpäckchen aus dem Regal und stopft sie in eine große Plastiktüte, legt die altmodische Ladenkasse dazu und das Spielgeld. Dann steckt sie einen echten Fünfziger in ihre kleine Stahlkassette, gibt 20 Mark heraus, und der Handel ist perfekt. Ihre Kundin, eine Spielzeugsammlerin, zieht zufrieden davon. Für die zehnjährige Nicole hat der Tag auf dem Kinderflohmarkt erfolgreich begonnen.

"Den Kaufladen brauchte ich nicht mehr", sagt sie und hat recht. Das Spiel ist aus, der erste Schritt in die Geschäftswelt der Erwachsenen vollzogen. Der liebevoll lackierte Verkaufsstand ist ihr zu klein geworden. Auf einer großen Wolldecke handelt sie mit Puppen und Plüschtieren, eng gewordenen Kleidungsstücken, zerlesenen Kinderbüchern, einem alten Fernglas, Glasmurmeln und ausgetretenen Schuhen.

Schräg gegenüber thront Sabrina, eine hübsche Vierzehnjährige im graffitiübersäten Outfit, hinter einem Berg aussortierter Kleidungsstücke. Vor ihr steht ein türkischer Familienvater mit grauen Haaren und verhärmten Gesichtszügen. "Eine Mark", sagt er und hält eine mild verwaschene gelbe Cordhose hoch. Sabrina schüttelt verächtlich den Kopf. "Drei Mark", sagt sie. Und dabei bleibt es.

Seit fünf Jahren verzeichnen die Veranstalter des Dortmunder Kindertrödelmarktes eine ständig wachsende Nachfrage. Rund 400 Kinder haben diesmal ein buntwildes Kramwarengemisch in die Ausstellungshalle getragen, um sich zusätzliches Taschengeld zu verdienen. Nicht nur hier wird den Kindern Gelegenheit geboten, frühe Verkaufstalente auszuspielen. Bei Gemeindetreffen, Schulfesten, Nachbarschaftsparties oder Kleingartenfeten gehören Kinderflohmärkte inzwischen fast zum Standardprogramm. Und wenn ein offizieller Anlaß zu lange auf sich warten läßt, haben junge Händler kaum Hemmungen, ihre Decken auf Straßen oder in Parks auszubreiten. Dort sitzen sie hinter zusammengeschnorrtem Nippes und abgeschabtem Plastikspielzeug und blicken hoch mit glühenden Wangen und wachen Augen, wenn ein Kunde Interesse zeigt an einem Puppenfrisiertisch, der zu Weihnachten ein Muß-ich-unbedingt-haben war und seit dem Dreikönigstag vergessen in der Ecke liegt.

Melanie ist 13 und ebenfalls immens geschäftstüchtig. Sorgfältig kramt sie aus ihrem Fiorucci-Etui einen sternchenbesetzten Stift heraus und trägt die letzte Einnahme in ihre China-Kladde ein: zwei Mark für ein altes, Mainzelmännchen-Spiel. Das verdiente Geld kommt in die Urlaubskasse. "Südfrankreich", sagt sie und wirft die locker gefönten Haare zurück, "da kann man unheimlich toll einkaufen." Könnte sie ihre ausrangierten Sachen nicht verschenken? Die Mama, schick und adrett wie die Tochter, meint, daß die schönsten Sachen ja schon zu Verwandten gebracht worden seien. "Das ist eigentlich nur noch der Ramsch." Und die Tochter fügt hinzu: "Die Ausländer kaufen das." Kommt sie sich nicht komisch vor, wenn eine türkische Familie vor ihrer Decke stehen bleibt, die die alten Spielsachen vielleicht dringend braucht? "Doch schon", sagt Melanie, "manchmal ist das wirklich ärgerlich. Da hat man einen tollen Tornister und will zehn Mark dafür haben, und die wollen nur eine Mark geben. Das nervt."

Die Mischung aus Spiel und Ernst läßt Schranken der Scham schnell fallen. Von vornehmer Zurückhaltung ist auch bei den gutbürgerlich auftretenden Eltern keine Spur. Mit Wohlgefallen betrachten sie die Geschäftstüchtigkeit der Kinder. Daß die sich ihren kleinen Luxus selbst verdienen, wird begrüßt, daß sie die in ihrer Werbeumwelt beobachteten Formen unbefangen übertreiben, als niedlich empfunden. Manche Väter, die als Chauffeur gekommen sind, bleiben und achten darauf, daß die Kinder von "handelsgeübten Ausländern nicht ausgetrickst" werden.