Von Wolfgang Thiele

Seit sechs Jahren hat sie den höchsten Ausländeranteil in Berlin. Sie ist die einzige Schule in der Stadt, die Türkisch als zweite Fremdsprache anbietet, ihre Integrations- und Förderungsprogramme gelten als vorbildlich – jetzt bleiben ihr die Schüler weg: Die Kreuzberger Robert-Koch-Oberschule in Berlins türkenstärkstem Bezirk kann im nächsten Schuljahr nur eine siebente Klasse – in Berlin der Anfang der gymnasialen Oberstufe – einrichten.

An türkischen Schülern fehlte es zwar noch nicht, da haben sich 29 angemeldet, aber an deutschen. Da es nur vierzehn deutsche Bewerber gibt, können jedoch nur vierzehn türkische aufgenommen werden, denn das Berliner Schulgesetz schreibt einen Anteil von höchstens 50 Prozent ausländischer Schüler in einer deutschen Klasse vor. „Das Bemühen um die Ausländer verjagt die Deutschen“, kommentiert Schulleiter Ingo Bernt das Dilemma. Und was die Situation auf die Spitze treibt: auch immer mehr Türken bleiben weg. Deutsche Eltern fürchten offenbar, ihre Sprößlinge könnten in türkischer Gesellschaft, nicht so groß herauskommen, die Türken denken, ihre Kinder können nicht so gut Französisch lernen. Dabei steht es weiterhin als zweite Fremdsprache auf dem Lehrplan – zur freien Wahl.

Die überzähligen fünfzehn Türkenkinder werden nun auf andere Gymnasien verteilt. Ingo Bernt hätte sich lieber ein paar zusätzliche deutsche Schüler gewünscht. Die Nachbargymnasien im Bezirk – die Hermann-Hesse- und die Leibniz-Oberschule – haben über Zulauf nicht zu klagen: sie können vier beziehungsweise drei neue Klassen einrichten.

Der zuständige Schulrat Ritter will aber von „Zuweisung“ durch die Obrigkeit nichts wissen: Die Eltern können nicht nur die Art der Schule frei wählen, sondern auch die Schule selbst – alles andere sei Bevormundung. „Aber wenigstens fragen hätte man können“, meint Bernt. Die Eltern geben nämlich immer auch eine zweite Schule als Ausweichmöglichkeit an. Den Zweitwunsch „Robert-Koch-Oberschule“ hätte er gern durch ein Gespräch in einen Erstwunsch und damit in eine zweite Klasse umgeleitet.

Von den Eltern, die von vornherein ihre Kinder an keine Kreuzberger Schule schicken wollen, spricht er schon gar nicht: „Die sind für uns sowieso verloren.“ Denn nicht nur in New York machen weiße Eltern Integrationsbestrebungen durch Rückzug zunichte: auch bei uns flieht man vor Fremdländischem. Nur, daß hier nun auch noch die Fremden mitfliehen: von 230 Kreuzberger Eltern, die ihre Kinder in Realschulen oder Gymnasien anderer Bezirke mit vorwiegend deutscher Bevölkerung angemeldet haben, sind 103 Türken, die sich von einem geringeren oder gar keinem Ausländeranteil in anderen Bezirken mehr Chancen für ihre Kinder versprechen.

Eine Schließung käme einer Ohrfeige für die engagierten Lehrer gleich. Das jüngste Bekenntnis von Berlins resoluter Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien zur Robert-Koch-Oberschule und deren Leistungsstandard kam für Ingo Bernt denn, auch nicht überraschend, nur: „Das sagt sie seit anderthalb Jahren.“ Er hofft auf die entsprechenden Konsequenzen. „Vielleicht kommen ja auch die Schulgewaltigen – Finanzminister eingeschlossen – bei dem günstigeren Lehrer-Schüler-Zahlenverhältnis auf den Gedanken, daß das etwas Gutes für das Lernniveau bedeuten könnte.