Kapak hat dunkle Haut und ist ziemlich dick. Seine Gummilatschen sind hauchdünn abgewetzt, seine Pyjamahose ist durch den letzten Monsunschauer, der noch am frühen Morgen über Bombay niederging, bis zu den Knien verdreckt. Vor zwei Stunden kam die Sonne zum erstenmal seit Wochen wieder zum Vorschein und hat die monsungetränkte Stadt in ein dampfendes, stinkendes Treibhaus verwandelt. Kapaks Nylonhemd, das ihm bis über die Hüften reicht, ist klatschnaß von Schweiß. Mit einem Taschentuch wischt er sich Hals und Gesicht ab und wringt das zerfetzte Tuch alle paar Minuten aus.

Seit zwei Stunden tanzt Kapak mit 50 anderen durch die Straßen Bombays zur ohrenbetäubenden Musik von sieben Trommlern und einem verstärkten Harmonium. Sie tanzen um die Ganeshfiguren herum, die auf einem Kleinlastwagen in Richtung Meer transportiert werden. Kapak ist der beste Tänzer und bestimmt, wie schnell der Rhythmus zu sein hat. Die Tanzenden ziehen mitten durch den dichten Verkehr. Autos und Busse quetschen sich hupend an ihnen vorbei. An den Straßenrändern stehen Menschen. Sie lachen, tanzen ein paar Schritte mit, feuern die Musiker an.

Wenn ein Lied seinen Höhepunkt erreicht, die Trommler sich mit den Tanzenden abwechseln, weil diese keine Kraft mehr haben, das Harmonium schrill und verzerrt in den Ohren wütet, dann geht Kapak in die Hocke. Seine Knie zittern im rasenden Rhythmus mit. Er springt in die Höhe, reißt die Arme hoch, schaut in die Sonne und brüllt: „Ganapatti Bappa Morya“ – Gott, Vater, Ganapatti.

Für Fremde ist das Ganapatti- oder Ganeshfest in Bombay verwirrend. Indien – damit verbindet man traditionsschwere Feste, von strengen Regeln bestimmte klassische Tänze und meditative Musik. Doch in den Tagen des Ganeshfestes, zum Ende der Monsunzeit, wirkt die westliche Metropole Indiens wie ein großes brodelndes Fest.

Bis frühmorgens sind die Straßen voll mit Menschen. Ganze Stadtteile Bombays sind mit Neon, Glühlampen und Lichtorgeln geschmückt. In jedem Hindu-Haushalt stehen kleine Elefantenfiguren – der Ganesh – umrahmt mit Opfergaben: Glitter, Räucherstäbchen, Früchten, Süßigkeiten, Gewürzen, Öllämpchen. Bis zu neun Meter hohe Ganeshfiguren werden auf Lastwagen durch die Straßen gefahren. Überall röhrende Musik, Trommelwirbel und tanzende Menschen.

Bombay ist das Zentrum des Ganeshfestes in Indien. Nirgendwo sonst in diesem Land sind so viele verschiedene Völker, Religionen und Kasten miteinander vermischt. Moslems, Hindus und Christen feiern zusammen hier ihre religiösen Feste. Nur in diesem Schmelztiegel konnte das Ganeshfest zu solch einem mitreißenden indischen Festival werden. Ganapatti wird außerhalb von Maharashtra – dem indischen Bundesstaat, dessen Hauptstadt Bombay ist – nur in kleinem, häuslichem Rahmen gefeiert.

Wie jedes indische Fest hat Ganapatti seinen mythisch-religiösen Ursprung. Der Elefantengott ist Sohn des Gottes Shiva und dessen Frau Parvati. Die Sage erzählt, daß Parvati es satt hatte, sich täglich von Shiva beim Baden zusehen zu lassen. So formte sie aus ihrem Waschwasser, gemischt mit Öl und Parfüms, einen Sohn, den sie vor ihrem Badehaus als Bewacher aufstellte. Sie nannte ihn Ganesh. Als Shiva wieder auftauchte, um Parvati beim Baden zuzuschauen, hinderte ihn Ganesh daran. Shiva wurde so wütend, daß er ihm den Kopf abhieb. Als er erfuhr, daß er gerade seinen Sohn getötet hatte, schwor er, den Kopf des nächsten lebenden Wesens, das ihm über den Weg liefe, auf Ganeshs Rumpf zu setzen. Und das war ein Elefant.