zu kommen

Von Manfred Sack

Selbstverständlich sieht man diesen durchsichtigen Turm aus zwei drahtgeflochtenen Kuben und einer Pyramide obenauf schon von weitem. Er sitzt seitlich auf dem Vordach und hat natürlich etwas zu bedeuten: Im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main ist eine wichtige Ausstellung zu sehen.

Nun muß man nicht unbedingt den hochgestochenen Gedanken folgen, die sich der junge Architekt Peter Riemann aus Bonn für sein strenges lustiges Werk gemacht hat; es genügt, aus seinem letzten Satz im Katalog das Zitat zu pflücken: „Der Inhalt ist die Form.“

Die Form, nicht wahr, hat keinen anderen Inhalt als sich selbst. Das gilt nun nicht nur für den Turm – er ist das übergroße Modell eines (nicht gebauten) Aussichtsturmes für das Göttinger Primatenzentrum –, sondern für vieles, was einen noch bis zum 15. September in dieser Ausstellung erwartet. Denn für viele Gebäude, denen man darin auf Zeichnungen, Plänen und in Modellen begegnet, gilt nicht mehr die Überzeugung des Früh-Modernen Louis Sullivan, daß die architektonische Form sich an den Inhalt zu halten habe, daß „das Äußere ... die inneren Notwendigkeiten (eines Bauwerkes) zum Ausdruck bringen und ihnen dienen“ müsse. Man beobachtet, daß immer öfter – und nicht immer sehr gewandt – Architektur als dekorative Verpackung begriffen wird.

Es sind in dieser interessanten, unterhaltsamen Ausstellung Arbeiten von fünfundfünfzig, meist jungen Architekten zu sehen – doch in der Bundesrepublik gibt es zwölfhundertmal so viel, fast 67 000. Gang und gäbe ist eine ganz andere Architektur, eine, die weder in Büchern, Zeitschriften noch im Fernsehen, selten genug in Zeitungen vorkommt, weil sie so gewöhnlich ist, unansehnlich, gebrauchsuntüchtig, langweilig. Dennoch spiegelt die Ausstellung wider, was der Untertitel nennt: „Architektur der Gegenwart in der Bundesrepublik Deutschland“. Es werden Tendenzen sichtbar, wenngleich fast ausschließlich formale.

Demzufolge werden wir, wenn erst die Nachahmung in vollem Gang ist, von immer mehr Eklektikern umgeben sein. Es scheint, als sei Le Corbusiers Weisheit, „Baukunst hat nichts mit Stilen zu schaffen“, verworfen und die Frage wieder erlaubt, welchem Stil man sich zuwenden oder welchen man ausbeuten könne. Die Architektur läßt nicht nur die dem Fach innewohnende Pflicht erkennen, sich Mühe mit der Gestalt zu geben („Mehr Architektur“ verlangte ein Manifest vor einem Dutzend Jahren, gegen Ende einer baukunstverachtenden Periode), sondern auch eine Neigung zu angestrengten Fassadenkünsten. Sie soll wieder Spaß machen, sie soll den Augen wieder etwas erzählen und möglichst viel. Und so sind diesmal im Architekturmuseum auch gar nicht Probleme des Gebrauchs dargestellt, sondern Probleme des Aussehens. Und ohne es zu wollen, fallen einem einzelne, sich gleichende, offensichtlich beliebte Motive auf. Sie sind selten aus der Umgebung der Gebäude abgeleitet, geben ihnen also keine so begründeten, regionalen Züge. Meist stammen die bevorzugten figuralen Elemente vor allem der Fenster und der Türen aus dem Katalog der neuzeitlichen Geschichte. Nur sind sie nicht wie im vorigen Jahrhundert den Alten auf eigentümliche Weise nachempfunden, sondern modisch gestylt, modernistisch geglättet: die tonnenförmigen Dachgauben, die dreieckigen Erker, die Palladio-Portale, die giebelgekrönten Risalite mit all den Pfeilern, (Halb-)Säulen und den oft schrecklich spaßigen Kapitellen.