Von Charlotte Kerner

Der gestickte Klapperstorch hält ein Tragetuch mit einem Baby im Schnabel: Ein solches Fabelwesen ziert die graublaue Krawatte eines Engländers namens Robert Edwards – jenes Mannes, der zusammen mit seinem Kollegen Patrick Steptoe vor sieben Jahren das erste "Retortenbaby" produzierte. Bis heute hat das Team sechshunaertmal den Klapperstorch gespielt; zwei Drittel der rund tausend lebenden "Retortenkinder" in aller Welt kommen aus der Privatklinik in Bourn Hall bei Cambridge.

Nicht zufällig also wurde Robert Edwards, der Schrittmacher der neuen Reproduktionstechnik, jetzt zum ersten Vorsitzenden der neugegründeten "European Society of Human Reproauction and Embryology" gewählt. Die Gesellschaft hielt Ende Juni in Bonn ihren Gründungs- und gleichzeitig ersten Fachkongreß ab. Schwerpunktthema war die In-vitro-("im Glas")Fertilisation (IVF), die künstliche Befruchtung im Laborgefäß.

Im Foyer der Stadthalle Bonn-Bad Godesberg versorgten Babynahrungshersteller diesmal keine "gesunden, zufriedenen Kinder", sondern rund 500 Fortpflanzungsmediziner mit Kaffee und Kuchen. Eine Firma pries ihre Gefrierschränke an, weil alle erfolgreich ausgetragenen menschlichen Tiefkühlembryos aus ihrer Kälte kamen. Zwischen Videoaufzeichnungen vorgeburtlicher Kindesbewegungen und gynäkologischen Bestecken war eine Frage auf diesem Markt der menschlichen Fortpflanzung immer wieder zu hören: "Wieviele Schwangerschaften haben Sie erzielt?"

Die Antworten fielen eher mager aus. Die Schwangerschaftsraten von zehn bis zwanzig Prozent wären sogar noch schlechter, wenn alle europäischen IVF\-Teams so streng wie Pionier Steptoe zählten: "Ein Erfolg ist nur eine Frau, die ein gesundes Baby mit nach Hause nimmt." In die meisten Erfolgsstatistiken gehen jedoch auch alle durch Fehlgeburten beendeten sowie die nur hormonell nachweisbaren (biochemischen) Schwangerschaften ein.

Schwachpunkt der neuen Reproduktionstechnik ist die Einnistung (Implantation) des übertragenen Embryos. "Wir sind zuweit gegangen in dem Versuch, viele Eier zu gewinnen, und haben die Implantation vernachlässigt", bekannte Edwards. Die Erfahrungen mit IVF zeigen, daß eine Schwangerschaft bei zwei bis drei sehr früh übertragenen (transferierten) Embryos am wahrscheinlichsten ist. Warum das so ist, bleibt Edwards zufolge noch "sehr versteckt und sehr schwierig".

Sicher scheint, daß ein werdender Mensch nach der natürlichen Befruchtung schon im Zwei- und Vierzeilerstadium im Eileiter wichtige biochemische Signale aussendet und die Gebärmutter auf sein Kommen vorbereitet. Experten vermuten, daß mehrere gesunde, künstlich gezeugte Embryonen durch eine Signalfülle die Informationslücke ausgleichen könnten, die im weiblichen Organismus entsteht, wenn die Zeugung und die erste, gut eintägige Entwicklungsphase außerhalb des Mutterleibes geschieht. Doch was passiert wirklich? Wie sehen die embryonalen, biochemischen Morsezeichen aus? Gehen nur die nicht lebensfähigen befruchteten Eier ab? Oder gewinnt der stärkste Embryo den Kampf um einen Einnistungsplatz? Hier sieht die neue Reproduktionsgesellschaft künftige Forschungsschwerpunkte.