Von Roger de Weck

Paris, im Juli

Régis Debray muß es wissen. Der Kampfgefährte des Ché Guevara, der Ratgeber François Mitterrands, der zum Würdenträger aufgerückte Intellektuelle, sieht in der Atombombe „eine monarchistische Waffe“. Einer, ein einziger entscheidet über deren Einsatz – sie ist ein Attribut der Macht französischer Präsidenten. Was wird aber daraus, wenn sich nach der Parlamentswahl im nächsten Jahr Mitterrand und ein konservativer Premierminister die Regierungsmacht teilen müßten? Würde dann dem geschwächten Präsidenten die Legitimation abgesprochen, das Leben der Franzosen und das Fortbestehen der Nation aufs Spiel zu setzen? Mitterrand ist zwar Garant der Unabhängigkeit und Oberbefehlshaber des Heeres, sein Premier aber zeichnet „verantwortlich für die nationale Verteidigung“. Dies hält auch die durch alte Gewohnheiten ausgehöhlte Verfassung weiter unmißverständlich fest.

So heikel es wäre, die Nukleargewalt unter zwei Landsleuten aufzuschlüsseln, so schwer fällt es Frankreich, obendrein die Belange seines wichtigsten Anrainers zu berücksichtigen. Auch wo ein Wille ist, ist nicht immer ein Weg, der Bundesrepublik entgegenzukommen. Gleichwohl ist es französischen Politikern und Wehrexperten mehr und mehr ein Bedürfnis, „etwas für die Deutschen zu tun“. -Was? In seinen „Memoiren der Hoffnung“ schrieb General de Gaulle: „Es ist so gut wie sicher, daß wir im Falle eines Konflikts an der Seite der Verbündeten stehen werden.“ An diesem ominösen „so gut wie sicher“, das übergroße Unsicherheit in sich birgt, entzündet sich seit jeher die Debatte.

In den letzten Wochen entbrannte sie in Frankreich von neuem. Minister, Parteien und Fachleute wetteiferten mit mehr oder minder mutigen Vorschlägen, Vorstößen und Erklärungen zur deutsch-französischen Sicherheitspartnerschaft. Einem der besten Sachkenner schien zudem der Zeitpunkt gekommen, mit der offiziellen Doktrin abzurechnen. Pierre Lellouche vom renommierten Institut français des relations internationales rührte an Tabus, als er feststellte: „Was besagt unsere ,Unabhängigkeit‘, wo doch unser Schicksal mit jenem der Bundesrepublik, mithin jenem der Nato, verbunden ist?“ In seinem Buch „L’avenir de la guerre“ ließ Lellouche keinen guten Faden an den Hohepriestern des französischen „Sanktuariums“ – so heißt es tatsächlich in der Sprache der amtlichen Strategen, denen einzig das nationale Territorium „heilig“ ist.