An einem Samstagabend ging Lenz auf ein Fest.“ Dort traf er einen Dichter, einen Germanisten und einen Kritiker. „Er wußte, es war die Art Fest, die es eigentlich nicht mehr geben konnte und immer noch gab.“ Bestimmt waren auch Theaterleute eingeladen. Schon in Heinrich Manns großer Gesellschaftssatire „Empfang bei der Welt“ gehörten sie zu jener „Edelauslese“, die solche Partys füllt. Heinrich Mann schrieb: „Sieht man genau hin, ist alles verkracht, besonders der Intendant.“ Als Peter Schneider genau hinsah, war am verkrachtesten der Kritiker. Schneider nannte ihn Neidt.

Das waren noch Zeiten, 1973, als Peter Schneider Büchners Novelle neu erzählte. „Lenz“: Nach dem Untergang der 68er Bewegung zog ein junger Intellektueller durch Deutschland. Voll Neid konnte damals noch der Kritiker auf die Kunstwerke blicken. Aber Neidts Zeiten sind vorbei. Nachsicht war sein Nachfolger. Mitleid hat jetzt Nachsichts Posten. Schon schreibt Verdruß die ersten Artikel.

Am Ende von Schneiders Erzählung traf Lenz Herrn B., der verreisen wollte, „weit weg, am liebsten nach Lateinamerika. Was Lenz denn jetzt tun wolle. ‚Dableiben’, erwiderte Lenz.“ Peter Schneider reiste dann doch: nach Lateinamerika. Danach schrieb er sein erstes Theaterstück: „Totoloque. Das Geiseldrama von Mexiko-Tenochtitlán.“

Tenochtitlan war die Hauptstadt des Azteken-Reiches. Auf ihren Ruinen steht Mexico City. Totoloque ist ein Spiel mit goldenen und silbernen Kugeln, Boccia der Indianer. Der Fluch ihrer Götter liegt jetzt auf dem Stück des weißen Mannes aus Berlin. Fünfundneunzig Seiten hat dieses „Stück in drei Spielen“ in der Luchterhand-Ausgabe. Aber furchtbarerweise steht nichts drin. Es ist ein sehr indianisches Stück, eine Mystifikation. Wilfried Minks hat sie im Bayerischen Staatsschauspiel uraufgeführt.

Tilo Prückners goldene Rüstung klappert. Michael Altmanns Gang ist lauernd. Haartracht, Fellstola und Sprache sind ganz nach Art der Wilden. Sein rollendes „r“, das immer so störte, wenn er in Schillers „Kabale und Liebe“ den Ferdinand gab, ist jetzt herzlich willkommen. Schließlich spielt er Motecozuma, den letzten großen Kaiser der Azteken. Brückner spielt Cortés, den Katholiken aus Spanien, der Mexiko eroberte. Sie werfen mit kleinen Kugeln, was theatralisch unergiebig ist, und reden. Noch bevor man das Stück gelesen hatte, glaubte man zu wissen, worüber.

Ein grünes Stück hätte „Totoloque“ sein können: über den europäischen Geist, und wie er seine Umwelt verschmutzt, nicht nur in den europäischen Technokraten, schon lange zuvor, als er die Kultur der Indianer vernichtet hat. Schon ahnte man auch die Einschränkungen Schneiders, der kein Grüner ist, sondern ein linker Denker von Rang. Auch die Azteken waren ein kriegerisches Volk, nicht besser, aber auch nicht schlechter als die Spanier. „Niemals ist eine Jahrtausende alte Kultur so rasch und so vollständig vernichtet worden“, schreibt Schneider im Programmheft. „Und nirgendwo ist die Entscheidung zwischen zwei Kulturen so außerhalb realer Machtverhältnisse auf dem Feld der Mythen gefallen.“ Motecozuma hat die Eroberer für Götter gehalten.

Aber davon reden Cortes und Motecozuma wenig, mehr schon vom Analverkehr und anderen Praktiken der Wilden. Minks, der wiederum sein eigener Bühnenbildner war, hat dieses Geiseldrama mit einer Himmelsleiter, weiß gekachelten Wänden, Rotlicht, Neonarrangements, Indianerfedern und elektronischem Gegurgel zugekleistert. Schon lange ist dieser Kleister-Künstler selber ein Geiselnehmer. Wieder waren wir zweieinhalb Stunden in seiner Hand, und man kann nicht behaupten, daß wir gut behandelt wurden. „Totoloque“ – die neueste Theaterkatastrophe.