Von Uwe M. Schneede

Was für ein faszinierendes Buch müßte das sein: die inzwischen vierzigjährigen Wurzeln deutscher Kunst freilegen. Die Vorurteile beider Seiten verwerfend, ließe sich der Autor denkspielerisch mal in Köln und mal in Leipzig nieder, nähme sich unseren Beuys und deren Sitte, deren Tübke und unseren Polke gleichermaßen analytisch vor. Politisch auf der Höhe der Zeit, würde er dem direkten Vergleich rhetorisch begegnen und statt dessen die jeweils besonderen und eigenen Gründe, Motive, Umstände ins Feld führen, die anderen nicht schlechter oder verbohrter oder zurückgeblieben nennen, sondern die anderen.

Zwei deutsche Ästhetiken, zwei deutsche Kunstszenen wären mit all ihren unterschiedlichen Vermittlungs- und Vertriebspraktiken, mit ihren unterschiedlichen Prämissen und gesellschaftlichen Aufgaben als separate dargestellt, insgeheim bei der Erörterung der einen immer die andere im Kopf. Der Leser würde schon begreifen und die nächste Frage vorausahnen: Wenn der Künstler im Sozialismus eine genaue definierte Aufgabe hat, ist er dann auch im Gesellschaftsgefüge verankert? Und wie steht es mit Verankerung und Stellenwert des Künstlers, wenn eine solche Aufgabe nicht vorhanden ist, bei uns?

Der Autor, die Autorin würde aus der Kenntnis der Geschichte oder zumindest aus Peter Weiß’ „Ästhetik des Widerstands“ das Problem von gesellschaftlich virulenter Kunst und neuer Form erörtern: In welcher Weise die Ästhetik eines Werks, die pure Form, Inhalte erzählt; ob Inhalte ohne neue Ästhetik überhaupt zum Sprechen kommen (bei Felix Droese, Stephan Huber einerseits, andererseits bei Carlfriedrich Claus, Hartwig Ebersback); über das Politische im Privaten, das Private im Politischen; über die Notwendigkeit des künstlerischen Experiments und über die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Eingriffs durch die Kunst – beides mit unterschiedlichen Vorzeichen und am Werk exemplifiziert.

Wie macht sich, würde das Buch fragen, um detailliert berichten zu können, hier wie dort der Staat bemerkbar, wenn er Ausstellungen organisiert, baugebundene Kunst in Auftrag gibt, Preise verteilt. Wie wirken die Interessen der Betriebe dort, der Industrie hier, sich aus, wenn es um Aufträge oder Stipendien geht. Und wie war es in den fünfziger Jahren. Wie funktioniert die Kunstzirkulation dort, wo es keine privaten Galerien und wenige Sammler gibt. Wovon lebt einer dort, der Kunst macht, sie aber nicht so recht an den Mann bringt, und wovon hier.

Nicht leicht hätte es unser Autor. Müßte er doch einen klaren Standpunkt haben, unabhängig bleiben, dort wie hier gleichermaßen eindringen, gerecht sein im anderen Lager, kritisch im eigenen.

Erstes Kapitel, etwa so: Wie nach anfänglichen Gemeinsamkeiten Ausstellungen und Publikationen nicht nur die DDR Westkünstlern den Zugang versperrt, sondern auch die Bundesrepublik Ostkünstlern. Wie Dix hier ausjuriert, Baumeister dort abgelehnt wird. Das Anknüpfen an Traditionen, warum hier Kandinsky und Klee, warum dort Picasso und Léger. Eingriffe des Staates dort, Einmischung der Industrie hier; deren Schwere und Folgen. Die aufgegebene Ästhetik dort, der aufgegebene Inhalt hier; der daraus resultierende Mitsprachverlust der Kunst auf beiden Seiten.