Von Peter Hamm

Was hält schon einen Vergleich mit dem Leben aus? Allenfalls ein eingebildetes, ein erfundenes, ein Buch-Leben. Aber wer zuviel Einbildungskraft entwickelt, dem läuft das wirkliche Leben unweigerlich davon, er bleibt einsam auf der Strecke und verwünscht schließlich sogar seine Einbildungskraft.

Von diesem Konflikt nähren sich mehr oder weniger alle der 23 Texte in dem ersten Buch einer jungen Bregenzer Autorin, das bereits zweimal die Bestenliste des Südwestfunks erobert hat –

Eva Schmidt: "Ein Vergleich mit dem Leben", Erzählungen; Residenz-Verlag, Salzburg, 1985; 108 S., 22,– DM.

Eva Schmidt hat ihren Erzählungen ein Motto von Marieluise Fleißer vorangesetzt: "Lebenmüssen ist eine einzige Blamage." Doch dieses Motto ist viel gröber als das Buch, dem es gilt, finde ich. Mir jedenfalls blicken aus ihm Sätze entgegen, die viel vorsichtiger, viel genauer bezeichnen, was Eva Schmidt bewegt und zum Schreiben zwingt; etwa dieser: "Es beschämte mich sehr, daß ich dem Leben nicht nahestand." Ein Satz, der sicher mehr Verlangen nach dem Leben als Abscheu vor ihm verrät, zumindest ambivalenter ist als jener klirrend eindeutige Motto-Satz der Fleißer. Und Ambivalenz ist ja das Generalthema dieser neuen Erzählerin.

Lust und Lustlosigkeit, Interesse und Gleichgültigkeit sind in ihrer Welt so nahe beisammen, daß sie manchmal fast ununterscheidbar werden. Zumal sie meist auch nur vorgetäuscht werden; so bekennt in der von ihr an den Anfang des Buches, gestellten Erzählung mit dem programmatischen Titel "Der Wille zur Lust" die Erzählerin, sie habe "Angst, sie könnte auffallen, wenn sie nicht auf dies oder das eine Lust zeigt". Eva Schmidts erzählte Welt ist eine, in der scheinbar nichts fehlt – und gleichzeitig alles. Die Erzählerin weiß denn auch nicht, ob sie sich anklagen oder bemitleiden soll, "da ich doch so viel zum Leben brauche".

Lauter einander widerstreitende Gefühle erfüllen sie: Sie ist bereit, im Geringsten Vollkommenheit zu finden, aber es genügt ihr dann doch auch das Größte nicht. Sie möchte total abhängig sein von jemand und gleichzeitig ganz unabhängig. Und selbst wenn sie sich hingibt, gibt es für sie keinen ungeteilten Genuß: "Seine Berührungen ertrug sie nun kaum, und doch gab es nichts, wonach sie sich mehr sehnte, als von ihm berührt zu werden", heißt es in der Titelerzählung. Sie weiß, "daß meine einzige Möglichkeit, wahrhaftig mit den anderen zusammenzusein, die ist, mich in Gedanken mit ihnen zu beschäftigen".