An Preisen mangelt es wahrlich nicht, auch nicht für Wissenschaftler, Techniker und Mediziner. Natürlich reicht keine der Auszeichnungen, deren Zahl unüberschaubar groß geworden ist, an das Prestige des seit 1901 vergebenen Nobelpreises heran. Bei der Preissumme freilich wird die Stockholmer Ehrung, 1984 pro Sparte mit rund 577 000 Mark dotiert, gelegentlich schon übertroffen – erstmals nun auch in der Bundesrepublik: Am 7. September soll in Hamburg der neu geschaffene "Förderpreis für die Europäische Wissenschaft" an zwei Forschergruppen vergeben werden, denen dann zusammen zwei Millionen Mark zur Verfügung stehen.

Nicht nur bei der Preissumme weicht der "Förderpreis" der Körber-Stiftung vom üblichen Schema wissenschaftlicher Auszeichnungen ab. Auch die Vergabepraxis ist ungewöhnlich: eine Ehrenmedaille für bereits erbrachte Leistungen, das Geld aber für weiterführende Arbeiten. Für erbrachte "wissenschaftliche Leistungen .. ., die eine Anwendung zur Verbesserung der Lebensbedingungen für den Menschen erwarten lassen", bekommen die Laureaten eine "Grüne Rosette der Europäischen Wissenschaft" verliehen – ohne Preisgeld. Finanzmittel gibt es nach dem Willen des Stifters, des Hamburger Unternehmers Kurt A. Körber ("Hauni-Werke"), nur für künftige Taten: Laut Satzung ist es "die besondere Art des Preises, über die Auszeichnung für bereits vollbrachte wissenschaftliche Leistungen hinaus, Neues, zur Bewährung Drängendes durch ein ‚Mentorat‘ zu fördern".

Europäischen Preisträgern aus "allen Ländern vom Atlantik bis zum Ural" soll das Mentorat zu "der Weiterführung wissenschaftlicher Arbeiten dienen, bei denen wegweisende Ergebnisse ... erzielt worden sind". Die Förderung "soll in der Regel die auf ein Jahr begrenzte Zusammenarbeit der ausgezeichneten Forscher mit international anerkannten Wissenschaftlern ermöglichen".

Ursprünglich hatte Körber, dessen Vermögen auf seine Erfindung spezieller Maschinen für die Zigarettenindustrie zurückgeht, einen reinen Technikpreis in Sinn. Wegen der inzwischen untrennbaren Verquickung von Grundlagen- und angewandter Forschung erweiterte er den Preis auf Technik, Naturwissenschaft und Medizin. Beraten wird die Körber-Stiftung von einem auserlesenen Gründungskuratorium – darunter der Physiker Reimar Lüst, Chef der europäischen Weltraumagentur ESA und früherer Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, sein Max-Planck-Nachfolger Heinz Staab, ein Chemiker, sowie der Biologe und designierte Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Hubert Markt.

Die neun Professoren des Kuratoriums entschieden sich bei der erstmaligen Vergabe des Preises für eine interessante Zweiteilung, für eine naheliegende und eine überraschende Auszeichnung:

  • Naheliegend ist die Ehrung der Erfinder des inzwischen weltweit eingesetzten, mit Schallwellen arbeitenden Nierenstein-Zertrümmerers (siehe ZEIT Nr. 43/1984). Die "Grüne Rosette" geht an die Medizin-Professoren Walter Brendel, Christian Chaussy, Ferdinand Eisenberger und Egbert Schmiedt von der Universität München sowie an die Doktoren Bernd Forßmann, Wolfgang Hepp und Günter Hoff, die das im Fachjargon "Lithotripter" genannte Gerät beim Luft- und Raumfahrtkonzern Dornier entwickelt haben. Das "Mentorat" soll es einer medizinisch-technischen Arbeitsgruppe unter Brendels Leitung, ermöglichen, den Einsatz der Schall-Stoßwellen bei der Behandlung von Gallensteinen und – ein ganz neuer Bereich – auch bei Krebsgeschwülsten zu erforschen.

• Überraschend zumindest für Laien ist die Vergabe der "Grünen Rosette" an die Professoren Teodor Balevski und Emil Momtschilov vom "Institut für Metallkunde und Technologie der Metalle" der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften in Sofia. Zusammen mit ihrem vor zwei Jahren verstorbenen Kollegen Ivan Dimov entwickelten die beiden’ Forscher die sogenannte Gegendruck-Gießtechnik: ein Verfahren, das eine wesentliche Erweiterung der Materialeigenschaften von Gießmetallen ermöglicht. Balevski und Momtschilov wollen nun zusammen mit ihren Mitarbeitern Dragan Nenov, Rangel Zvetkov und Rumen Batschvarov den unerwartet reichen Westgeld-Segen nutzen, um ein zukunftsweisendes Gießereizentrum zu gründen. In ihm sollen neuartige Gußstücke mit vorgegebenen Eigenschaften, und Metalle mit dichter Struktur erzeugt, aber auch das Gegendruck-Gießen "geschäumter Metalle" und "nichtmetallischer Werkstoffe" entwickelt werden.

Für die Forscher aus Sofia ist der neue "Förderpreis" allerdings nicht die erste Anerkennung aus dem Westen: ihr Gießverfahren wird bereits in einem bulgarisch-französischen Unternehmen in Lothringen angewandt. Günter Haaf