Von Fritz J. Raddatz

Nicht immer ist es so eklatant wie an dem Tage, an dem die heute-Sendung des ZDF den Gerichtsbeschluß des Amtsrichters Jahr zu Frankfurt, die Pershings, da Erstschlagswaffen, seien verfassungswidrig, schlichtweg unterschlug; ein Befund, der immerhin auf einem Gutachten Carl Friedrich von Weizsäckers basierte, des Bruders des Bundespräsidenten. Nur wer die Tagesschau sah, erfuhr davon – und den ARD-Zuschauern um 22 Uhr blieb diese Sensation auch erspart.

Nein, meist ist es brav, sprachlos und unanalytisch, was uns die beiden wichtigsten Nachrichtensendungen servieren (20 Prozent der Haushalte sehen heute und 25 Prozent die Tagesschau). Nach einer Woche Einzelhaft vorm Kasten hat man den Kopf voll elattgebügelter Details, die Ohren voll Sprachmüll und den Kopf leer jeglicher Zusammenhänge.

Das Brave

Es beginnt mit der Einfallslosigkeit der Bilder. Ob Inflation in Israel, Teuerung in Polen oder Lebenshaltungskosten in der BRD: hinter dem Sprecher – der eine groß-, der andere kleinkariert – ein Bild mit Geldscheinen; nächstes Bild: Hausfrauen mit Einkaufskarren im Supermarkt. Wenn man Glück – Pech – hat, muß man noch dem Köpcke aus Tel Aviv zuhören. Fällt Gromyko die Treppe hinauf, muß man ein kleines politisches Famflienalbum ertragen: Jung-Gromyko bei der Uno-Gründung, Mittel-Gromyko mit Kennedy, Alt-Gromyko mit Scheel, Älter-Gromyko mit Breschnew, Uralt-Gromyko alleine. Das steinerne Gesicht, die vergipste Machtmaske wird nicht analysiert. Zwanzig Sekunden über so ein Gesicht: darin läge Geschichte.

Die Banalität der Bilder offenbart noch etwas anderes: Das Fernsehen ist in sich selbst verliebt. Warum überhaupt noch Vorgänge filmisch erfassen – man kann doch den Photographen von AP, den Kameramann von der RAI oder, am besten, sich selber filmen. Carl Weiss löst so ein Problem spielerisch: Während er aus dem Off aus Brüssel berichtet und uns mit der ganz und gar unentbehrlichen Nachricht versorgt, der Kanzler ginge in der Mittagspause spazieren – da sehen wir was? Den Kanzler, der in der Mittagspause spazieren geht. Und mit wem wohl? Mit Carl Weiss. Eine Sekunde später – nur John Cassavetes kann so schnell schneiden – haben wir ihn dann, Krawatte gewechselt und im Studio, ganz.

Fast keine Nachrichtensendung kommt ohne diesen anödenden Kamera-Narzißmus aus. Zwischen den aufregenden Vorfahrten und Abfahrten der Wagen (vorm Kanzleramt oder vor dem Weißen Haus oder vorm Palast der Republik), man ist vor Spannung schon außer sich, kommt endlich das eigentlich wichtige Bild: Fernsehleute hinter Kameras. Eine Bunaespressekonferenz mit dem Kanzler? Kameras. Bloß keine Fragen im O-Ton (in Amerika selbstverständlich und nun wirklich spannend). Ein Kongreß, ein Parteitag, ein Gerichtsprozeß? Kameras. „The medium is the message“ – den Titel des Buches von Marshall McLuhan haben sie wohl alle gelesen. Und was noch?