Von René Drommert

In jenen Tagen des Jahres 1947, als Viktor Nekrassow den Stalinpreis für sein Buch „In den Schützengräben von Stalingrad“ (Wokopach Stalingrada) erhielt, gab es eine große Überraschung. Die Modalitäten der Wahl des Preisträgers waren zwar, wie auch woanders bei hohen Auszeichnungen, kein Thema für die Öffentlichkeit. Dennoch: Man wußte natürlich, daß zunächst eine Liste mit Namen etlicher Kandidaten aufgestellt wurde, daß von diesen Kandidaten dann der Preisträger bestimmt würde. Auf der Liste stand auch der Name: Viktor Platonowitsch Nekrassow, Jahrgang 1911. Alexander Fadejew, der von 1946 bis 1954 Generalsekretär und Vorsitzender des Allunionsschriftstellerverbandes der Sowjetunion war, hatte am Vorabend der Kür, kraft seiner Machtvollkommenheit durfte er es, den Namen Nekrassow noch schnell gestrichen. Nekrassow war damit durchgefallen.

Doch welche Verblüffung, als am nächsten Tag der Name Nekrassow trotzdem in der sowjetischen Presse erschien, mit gleichsam leuchtenden Lettern: Der Stalingrad-Autor war über Nacht Stalinpreisträger geworden. Das war um so erstaunlicher, als Viktor Platonowitsch Nekrassow kein gehorsamer oder gar liebedienerischer Trabant des „sozialistischen Realismus“ war. Und natürlich auch späterhin nicht geworden ist.

„Hinter verschlossenen Türen“, sagt Nekrassow, „hat mir Wsewolod Wischnewskij, der Chefredakteur der Zeitschrift Snamja (Das Banner), verraten, das Wiedererscheinen des Namens Nekrassow auf der Liste habe in der ganzen Union nur ein einziger Mensch veranlassen können.“ Er meinte den Generalsekretär Jossif Wissarionowitsch Stalin. Genaue Angaben fehlen.

Es ist schon ein Treppenwitz der Geschichte der UdSSR, daß just Stalin, der Repräsentant brutaler und bluttriefender Intoleranz, sich für ein Werk einsetzte, das kein Musterbeispiel des von der Gesellschaft postulierten sozialistischen Realismus ist, sondern Menschen genauer, realistischer, das heißt menschlicher schildert. Das Werk verfällt auch nicht in den Fehler, „positives Heldentum“ unkritisch vorzuführen. Stalin hat ja erstaunlicherweise Interesse für Michail Bulgakow gezeigt, der gleichfalls „aus der Reihe tanzte“. „Nach der Preisverkündigung“, berichtet Nekrassow, „begann man sofort, mich außerordentlich zu loben und mir einen höheren Rang anzuweisen.“

Erst einmal: Man sollte, meine ich, Fadejew nicht durchaus schmähen. Er war doch nur der demütige, ängstliche, beflissene Verfechter seiner funktionärshaften Engstirnigkeit und Unselbständigkeit.

Es ist bemerkenswert, wie Nekrassow, der heute in Paris, im Stadtteil Vanve, lebt, erklärt, wodurch es in seinen frühen Jahren zu Erfolgen überhaupt kommen konnte: „Ich wußte im einzelnen gar nicht, was das überhaupt bedeutet: sozialistischen Realismus. Ich wußte nicht, was und wie ich schreiben mußte, was ich nicht schreiben durfte, ich ließ es quasi treiben, Gott wird es schon eingeben.“ Daß er, was die literarkritischen Normen betrifft, keine Zwangsjacke anzog, machte ihn ebenso erfolgreich wie zugleich unübersehbar suspekt. Die zweite Buchausgabe von „Stalingrad“ wurde dementsprechend erst 1958 genehmigt. In den ersten drei Jahrzehnten gab es aber insgesamt zirka 120 Ausgaben in 30 Sprachen.