Jüngere deutsche Denker und Dichter entdecken die Lust an der Unvernunft

Von Siegfried Schober

Ich will nicht dem französischen Modephilosophen Jean Baudrillard nacheifern, seiner Lust an gewagten, raffinierten, kuriosen Vergleichen. Aber nachdem ich mich durch ein Dutzend der neuesten deutschen Kulturzeitschriften gelesen habe, drängt sich mir der verrückt anmutende Vergleich auf, daß bei uns ein literarischer und philosophischer Markt in Blüte ist, der Ähnlichkeiten hat mit dem, was in der Neo-Rock- und Punk- und New-wave-Musik passiert.

Das absolut Schräge, total Irre, schillernde Sumpfplanzen und bizarre Eintagsfliegen, Originalitätssucht und Stilchaos haben dieser Musik ein – Erscheinungsbild gegeben, vor dem sich die konventionellen Popmusikkritiker die Haare raufen. Sie kommen nicht mehr mit. Ihre Maßstäbe werden von jeder neue Platte über den Haufen geworfen. Alles ist in Bewegung, eine Richtung, an der man sich festhalten könnte, läßt sich nicht mehr erkennen.

Ein Sänger wie Prince, der hemmungslos ebenso die aktuellsten Sounds wie die alten Psychedelicnummern ausschlachtet und zu einem undefinierbaren Klangbacchanal verschmilzt, müßte eigentlich der Heroe unserer gegenwärtigen neuen literarischen und philosophischen Subkultur sein. Wie nach dem Hören des letzten Prince-Albums schwirrt einem der Kopf, wenn man die auffälligsten Aufsätze in den Zeitschriften Merkur, Neue Rundschau, Schreibheft, Spuren, Freibeuter, Ästhetik und Kommunikation, Zeno, Rowohlt LiteraturMagazin, Der Alltag durchgeackert hat.

Man könnte sich die Sache leichtmachen und sagen, es sind alles Wirrköpfe, die da schreiben. Aber Wirrköpfigkeit – auf oft hohen und höchstamüsantem Niveau – ist bei den besseren Autoren dieser Journale ein von ihnen erwünschter Stil, eine genuine Ausdrucksform, die richtig gelesen einen großen intellektuellen Reiz besitzt und mehr Vergnügen bereitet, als viele herkömmlichen Schreibanstrengungen. Trotzdem, ich will nicht hochstapeln und gebe zu, was unsere New-wave-Literaten und Neo-Denker produzieren, hat mich mehr fasziniert als mir wirklich eingeleuchtet.

Mindestens 50 Prozent der 30 Texte, deren Geheimnisse und Chiffren ich zu knacken versuchte, blieben mir dunkel. Indes dürfte das die Verfasser im Grunde nicht sehr stören, denn der übliche Konsens, die traditionelle Rationalität, die herkömmliche Kommunikationsdisziplin sind ja gerade das, was sie nicht wollen. Nicht umsonst taucht in vielen dieser nebelhaft verquer erscheinenden Denk- und Schreibkunststücke immer wieder ein Topos auf: der Zweifel und die Verzweiflung an der Vernunft.