Von Michael Sontheimer

Die Schilder „Betreten des Werksgeländes nach Paragraph 6 der Allgemeinen Bergwerksverordnung (ABVO) verboten“ sind ziemlich überflüssig. Sie lassen sich erst entziffern, wenn man vor einem mit grünem Stacheldraht gekrönten Zaun steht. Zehn Meter hinter dem Zaun erhebt sich eine an die fünf Meter hohe Mauer, gegen die das Berliner Monstrum ein altmodisches, geradezu freundliches Bauwerk ist. Obwohl die Schießscharten in den gräulichen Betonplatten abgedichtet sind, gleicht die weiträumig um die Festung planierte Fläche dem Todesstreifen, der nur ein paar Kilometer weiter südlich die beiden Deutschlands trennt.

Es weht ein kalter Wind am Abend vor dem Tag der deutschen Einheit, zwischen Gorleben und Trebel, im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Mehrere Kräne ragen in den düsteren Himmel, der Wachmann, zwischen Mauer und Zaun postiert, wirkt verloren dagegen. Es ist ein Älterer, der da einsam in der Kälte steht. „Sowas muß ja sein, auch heute“, versucht er unbeholfen die Ästhetik des Atomstaates zu entschuldigen. „Irgendwas muß man ja auch arbeiten“, sagt er noch achselzuckend, der Schäferhund, den er an der Leine hat, fängt unruhig an zu knurren. Am Eingang der Festung steht ein Schild: „Hier errichtet die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt PTB, ein Bergwerk zur Erkundung des Salzstockes Gorleben.“

Wenn diese Bundesrepublik Deutschland nicht immer jegliche Spuren der Revolte gegen sie auslöschen müßte, würde ein Stück weiter auch ein Schild stehen: „Hier ebneten mehrere tausend Polizisten und Bundesgrenzschützer am 4. Juni 1980 die Freie Republik Wendland ein.“ Wie gesagt, wenn ... Doch so bleibt nur die Erinnerung an jene 33 Tage auf „1004“. 1004 hieß die Aktion bei den Eingeweihten, denn es handelte sich um die Besetzung eines Stücks kargen Brachlands, auf dem die Tiefbohrung 1004 in den Salzstock niedergebracht werden sollte, um dessen Eignung für die Endlagerung hochradioaktiven Mülls zu beweisen.

... 1004, da wurde man früh am Morgen aus dem Schlaf gerissen, Kindergeschrei, Lachen, Hammerschläge, die Handwerker waren unermüdlich, sie legten los, als zimmerten sie die Arche Noah, ein Küchenhaus haben sie hingestellt, wo Bauern Lebensmittel ablieferten und das Essen gratis ausgeteilt wurde, die Kirche, die Hühner und Enten, das Frauen- und das Kinderhaus, die Abende im Freundschaftshaus, die Nächte am Feuer, endlose Diskussionen um Gewalt, die Bullen und den Staat, Autonome und Pazifisten, die Bürgerinitiative, die Angst vor Krawall und um ihren Ruf hatte, der Sand, der überall knirschte, im Schlafsack und zwischen den Zähnen, mein Freund Dieter, der unentwegt zu organisieren versuchte, man könnte sentimental werden ...

Er hat später die Räumung in einem Buch – „Zwischen Gorleben und Stadtleben“ – festgehalten: „4. Juni – Truppen marschieren auf, greifen zu, schleppen, prügeln uns aus unserem Dorf. Wir haben dort gelebt. Maschinen walzen unsere Häuser nieder. Wir haben in ihnen gewohnt. Wir haben in der Zukunft gewohnt. Unsere Häuser zerbersten, zerfallen in den Traum, aus dem sie entstanden sind. Aus dem sie wieder entstehen werden. So lange müssen wir emigrieren.“

Mein Freund ist nicht lange, nachdem er dies geschrieben hat, in die Toskana ausgewandert. Andere sind im Landkreis Lüchow-Dannenberg geblieben, haben weitergekämpft. Wer heute allerdings nach Spuren jener Aktion 1004 sucht, die den niedersächsischen Innenminister Möcklinghoff dazu brachte, von „Hochverrat“ zu sprechen, muß Geduld mitbringen. Ein erster Hinweis – rot auf weißem Bettlaken – findet sich in Gümse, einem Dorf bei Dannenberg, auf einem „Künstlerfest“, zu dem die SPD geladen hat. Das Transparent haben allerdings junge Atomgegner ungebetenerweise mitgebracht. Die Sozialdemokraten, die sich zur Eröffnung des niedersächsischen Wahlkampfs mit mehreren hundert Medienarbeitern und Kulturschaffenden unter Führung von Günter Grass dem neuen „Wir-Gefühl“ und dem Alkohol hingeben, verlieren kein Wort über den mittlerweile 12 Jahre währenden Gorlebener Atomstreit. Die Atomgegner dürfen schließlich doch eine Erklärung vorlesen. „Es waren doch gerade SPD-Politiker, die sich jahrelang, nicht zuletzt in ihrer Regierungszeit in Bonn, für Atomanlagen im Wendland stark gemacht haben.“ Für die Vergangenheit ist das zutreffend, allerdings hat auch Gerhard Schröder, der im Gümser Festzelt sagt, daß er noch viel zu lernen habe, während der kurzen Freiheit der wendländischen Republik als Bundesvorsitzender der Jungsozialisten die Aktion 1004 rückhaltlos unterstützt und als Rechtsanwalt später Bauern, die nach Blockaden wegen Nötigung angeklagt wurden, verteidigt. „Seit er Ministerpräsident werden will, hält er sich in puncto Gorleben absolut bedeckt“, kommentiert das Undine von Blottnitz, die, obwohl sich die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg zum Boykott des SPD-Festes entschlossen hat, auf einmal im Gewühl aufgetaucht ist.