Nur Mut! David besiegte Goliath

Von Michael Sontheimer

Die Schilder "Betreten des Werksgeländes nach Paragraph 6 der Allgemeinen Bergwerksverordnung (ABVO) verboten" sind ziemlich überflüssig. Sie lassen sich erst entziffern, wenn man vor einem mit grünem Stacheldraht gekrönten Zaun steht. Zehn Meter hinter dem Zaun erhebt sich eine an die fünf Meter hohe Mauer, gegen die das Berliner Monstrum ein altmodisches, geradezu freundliches Bauwerk ist. Obwohl die Schießscharten in den gräulichen Betonplatten abgedichtet sind, gleicht die weiträumig um die Festung planierte Fläche dem Todesstreifen, der nur ein paar Kilometer weiter südlich die beiden Deutschlands trennt.

Es weht ein kalter Wind am Abend vor dem Tag der deutschen Einheit, zwischen Gorleben und Trebel, im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Mehrere Kräne ragen in den düsteren Himmel, der Wachmann, zwischen Mauer und Zaun postiert, wirkt verloren dagegen. Es ist ein Älterer, der da einsam in der Kälte steht. "Sowas muß ja sein, auch heute", versucht er unbeholfen die Ästhetik des Atomstaates zu entschuldigen. "Irgendwas muß man ja auch arbeiten", sagt er noch achselzuckend, der Schäferhund, den er an der Leine hat, fängt unruhig an zu knurren. Am Eingang der Festung steht ein Schild: "Hier errichtet die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt PTB, ein Bergwerk zur Erkundung des Salzstockes Gorleben."

Wenn diese Bundesrepublik Deutschland nicht immer jegliche Spuren der Revolte gegen sie auslöschen müßte, würde ein Stück weiter auch ein Schild stehen: "Hier ebneten mehrere tausend Polizisten und Bundesgrenzschützer am 4. Juni 1980 die Freie Republik Wendland ein." Wie gesagt, wenn ... Doch so bleibt nur die Erinnerung an jene 33 Tage auf "1004". 1004 hieß die Aktion bei den Eingeweihten, denn es handelte sich um die Besetzung eines Stücks kargen Brachlands, auf dem die Tiefbohrung 1004 in den Salzstock niedergebracht werden sollte, um dessen Eignung für die Endlagerung hochradioaktiven Mülls zu beweisen.

... 1004, da wurde man früh am Morgen aus dem Schlaf gerissen, Kindergeschrei, Lachen, Hammerschläge, die Handwerker waren unermüdlich, sie legten los, als zimmerten sie die Arche Noah, ein Küchenhaus haben sie hingestellt, wo Bauern Lebensmittel ablieferten und das Essen gratis ausgeteilt wurde, die Kirche, die Hühner und Enten, das Frauen- und das Kinderhaus, die Abende im Freundschaftshaus, die Nächte am Feuer, endlose Diskussionen um Gewalt, die Bullen und den Staat, Autonome und Pazifisten, die Bürgerinitiative, die Angst vor Krawall und um ihren Ruf hatte, der Sand, der überall knirschte, im Schlafsack und zwischen den Zähnen, mein Freund Dieter, der unentwegt zu organisieren versuchte, man könnte sentimental werden ...

Er hat später die Räumung in einem Buch – "Zwischen Gorleben und Stadtleben" – festgehalten: "4. Juni – Truppen marschieren auf, greifen zu, schleppen, prügeln uns aus unserem Dorf. Wir haben dort gelebt. Maschinen walzen unsere Häuser nieder. Wir haben in ihnen gewohnt. Wir haben in der Zukunft gewohnt. Unsere Häuser zerbersten, zerfallen in den Traum, aus dem sie entstanden sind. Aus dem sie wieder entstehen werden. So lange müssen wir emigrieren."

Mein Freund ist nicht lange, nachdem er dies geschrieben hat, in die Toskana ausgewandert. Andere sind im Landkreis Lüchow-Dannenberg geblieben, haben weitergekämpft. Wer heute allerdings nach Spuren jener Aktion 1004 sucht, die den niedersächsischen Innenminister Möcklinghoff dazu brachte, von "Hochverrat" zu sprechen, muß Geduld mitbringen. Ein erster Hinweis – rot auf weißem Bettlaken – findet sich in Gümse, einem Dorf bei Dannenberg, auf einem "Künstlerfest", zu dem die SPD geladen hat. Das Transparent haben allerdings junge Atomgegner ungebetenerweise mitgebracht. Die Sozialdemokraten, die sich zur Eröffnung des niedersächsischen Wahlkampfs mit mehreren hundert Medienarbeitern und Kulturschaffenden unter Führung von Günter Grass dem neuen "Wir-Gefühl" und dem Alkohol hingeben, verlieren kein Wort über den mittlerweile 12 Jahre währenden Gorlebener Atomstreit. Die Atomgegner dürfen schließlich doch eine Erklärung vorlesen. "Es waren doch gerade SPD-Politiker, die sich jahrelang, nicht zuletzt in ihrer Regierungszeit in Bonn, für Atomanlagen im Wendland stark gemacht haben." Für die Vergangenheit ist das zutreffend, allerdings hat auch Gerhard Schröder, der im Gümser Festzelt sagt, daß er noch viel zu lernen habe, während der kurzen Freiheit der wendländischen Republik als Bundesvorsitzender der Jungsozialisten die Aktion 1004 rückhaltlos unterstützt und als Rechtsanwalt später Bauern, die nach Blockaden wegen Nötigung angeklagt wurden, verteidigt. "Seit er Ministerpräsident werden will, hält er sich in puncto Gorleben absolut bedeckt", kommentiert das Undine von Blottnitz, die, obwohl sich die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg zum Boykott des SPD-Festes entschlossen hat, auf einmal im Gewühl aufgetaucht ist.

Nur Mut! David besiegte Goliath

Die zierliche, kleine Frau ist seit bald zehn Jahren eine der tragenden Säulen des Gorlebener Widerstands, vor einem Jahr holte sie für die Grünen 17 Prozent und zog in das Europaparlament nach Straßburg. Undine stammt aus einem schlesischen Adelsgeschlecht, und vor 20 Jahren heiratete sie standesgemäß Fritz von Blottnitz, dessen Familie seit Jahrhunderten in der Nähe von Lüchow ansässig ist. Vor ihrem Gut in Grabow parkt ein grüner BMW, und in der Eingangshalle ruht ein verstaubter Billardtisch. Über den beiden Treppen, die sich zum ersten Stock hinaufschwingen, hängt ein großes Ölgemälde, das den Oberst Bloch von Blottnitz anno 1915 bei der Überquerung eines französischen Flusses feiert – im schweren feindlichen Feuer.

"Der Adel", so erklärt Undine ihr jahrelanges bedingungsloses Engagement, "hatte schon immer einen Hang zum Anarchismus. Außerdem sind wir ökonomisch unabhängig und lassen uns nicht, so schnell was sagen." Bis sie in die Bürgerinitiative geriet und zum Motor der "bäuerlichen Notgemeinschaft" wurde, war sie zwar Kreiskassiererin der FDP, aber politisch nicht sonderlich aktiv. "Ich bin da bald ausgetreten, genauso wie mein Mann und der Graf von Bernstorff aus der CDU ausgetreten sind. Ich bin auf die Dauer immer politischer geworden, denn man kann ja nicht punktuell gegen die Atomanlagen angehen, man fängt an, immer mehr zu hinterfragen. Du hast gemerkt, daß die Betreiber der Atompläne dich belügen und dann denkst du dir, wenn die so lügen, muß ja die Wahrheit sehr bedrohlich sein.

Ich habe langsam die Folgen begriffen, nicht nur die ökologischen, sondern auch, daß du deine bürgerlichen Freiheiten immer mehr verlierst. Mit der Polizei wird das ja immer schlimmer. Bei der Wendlandblockade stand ich mit einer Gruppe von Leuten weitab von jeglichem Getümmel, da wurden wir eingekesselt, in einen Bus gesteckt und bei Uelzen im Wald ausgesetzt. Oder daß sie auf einen einschlagen, wenn man nur am Straßenrand steht, wenn die Atommülltransporter vorbeifahren.

Bis die ganze Gorleben-Hysterie losging, war hier schon noch die Welt irgendwie in Ordnung. Inzwischen geht ein tiefer Riß durch den ganzen Landkreis, durch die freiwillige Feuerwehr, den Schützenverein, die Kirche, bis in die Familien, sobald die Sprache auf Politik kommt, gibt es handfesten Krach. Und beide Seiten werden immer radikaler. Das ist traurig. Ich versuche, dagegen anzugehen, ich kann auch zum Beispiel die kleinen Ratsherren nicht verurteilen oder die Bauern, die ihre verbrannte Erde verkauft haben. Aber die Politiker, die ein bißchen höher stehen und von denen ich erwarte, daß sie hin und wieder nachdenken, die verurteile ich. Und die Laumänner sowieso, die keine richtige Meinung haben, sondern so mitlaufen."

1004 war nach Undines Meinung etwas Besonderes unter den Dutzenden von Aktionen, die sie mitgemacht hat, "weil da eine unglaubliche Stärke zutage gekommen ist. Wir wußten genau, daß alles wieder platt gemacht wird, aber wir haben so getan, als ob das nicht wäre. Es war so etwas Unbeschwertes mit einer unheimliche Kraft". Woher hat sie ihre Kraft? "Ich liebe dieses Land. Deshalb kann ich auch nicht weglaufen, den absolut Miesen das Feld überlassen, das geht doch nicht. Und dann bin ich auch ein gläubiger Mensch, deshalb vertraue ich drauf, daß wir es doch schaffen. Es geht zwei Schritte vorwärts und dann eindreiviertel wieder zurück, und mit diesen Viertelschrittchen müssen wir leben."

Eine Wand ihres Büros ziert ein Holzschnitt mit zwei kämpfenden Männern und dem Spruch "Nur Mut, David besiegte Goliath". Daß die Bürgerinitiative, die heute knapp 700 Mitglieder hat, sich eines übermächtigen Gegners zu erwehren haben würde, wurde bereits im November 1976 offenkundig. Zu dieser Zeit begaben sich die Minister Werner Maihofer, Hans Friderichs und Hans Matthöfer in die niedersächsische Staatskanzlei zu Hannover, um mit Ernst Albrecht ihre Pläne eines "integrierten Entsorgungszentrums" abzustimmen. Als Albrecht dann am 22. Februar 1977 Gorleben als vorläufigen Standort für das atomare Endlager und die Wiederaufbereitungsanlage für Kernbrennstoffe benannte, war Gorleben die längste Zeit ein vergessenes Dorf im "Zonenrandgebiet" gewesen.

Der gesamte Landkreis Lüchow-Dannenberg, der südlich der Elbe wie eine Zunge in die DDR hineinragt, war bis dahin eine vom Fortschritt verschonte Region: mit 40 Menschen pro Quadratkilometer der am dünnsten besiedelte Kreis der Bundesrepublik (Durchschnitt 247 qkm), so gut wie keine Industrie und bis vor drei Jahren nicht mal eine einzige Ampel. Dafür brüten bis heute in den Auwäldern an der Elbe Kraniche. Störche, Himmelsziegen, Steppenhexen und anderes seltenes Getier haben eine letzte Zuflucht vor dem Industrialismus gefunden. Kommunalpolitiker – wie der Kreisdirektor Paasche – werteten die idyllische Abgeschiedenheit freilich so: "Es hilft wenig, daß wir auch bei der Zerstörung der Landschaft stark rückständig sind." Was sich für den industriegeschädigten Großstädter rund um das Wochenendhäuschen als Paradies präsentiert, bedeutet nämlich für viele Lüchow-Dannenberger Arbeitslosigkeit. Sie lag hier schon immer mehrere Prozent über dem Landesdurchschnitt. In den Nachbarkreisen wird das Autokennzeichen "DAN" gelegentlich als "die armen Nachbarn" buchstabiert, und das wichtigste Ziel der Kommunalpolitiker ist es, die "Strukturschwäche" zu beseitigen.

Nur Mut! David besiegte Goliath

Da schließlich das Wendland eine Hochburg der NSDAP in den 20er Jahren und der NPD in den 60er Jahren war, hatte Ernst Albrecht durchaus eine weise Wahl getroffen. Politischer Widerstand war kaum zu erwarten.

Unmittelbar nachdem Gorleben zur nationalen Zentrale der Plutoniumwirtschaft gekürt ist, erscheinen großflächige Zeitungsannoncen: "Die niedersächsische Landesregierung informiert." In ihnen heißt es: "Salzstock (...) am besten geeignet" und "3000 bis 4000 konjunktursichere Arbeitsplätze." Und die "Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen" (DWK), die von den Atomstromproduzenten der Republik gegründet wurde, beginnt auch prompt, Arbeit zu schaffen: Sie steckt nicht nur mehrere Millionen in die Öffentlichkeitsarbeit, sondern beauftragt auch gleich eine Wach- und Schließgesellschaft, die Aktivisten der Bürgerinitiative zu observieren. Daß sie gleich so hart rangehen muß, belebt auf jeden Fall die Debatte über die Gefahren der Atomenergie in der lokalen Elbe-Jeetzel Zeitung, die bis heute auf hohem Niveau geführt wird.

Um in den Besitz von 12 Quadratkilometern Land zu kommen, bietet die DWK für das Areal, auf dem zwei Jahre zuvor aus ungeklärter Ursache ein Waldbrand gewütet hatte, das Neunfache des Verkehrswerts, und jetzt – im April 1978 – machen die Atomgegner bzw. -Skeptiker einen entscheidenden Fehler. Von einem Freiburger Rechtsanwalt falsch beraten, daß sie im Enteignungsverfahren kaum Chancen hätten, veräußern viele ihr Land. Andreas Graf von Bernstorff, dem rund die Hälfte gehört, verkauft zwar nicht, aber die DWK kann genügend Land erwerben, um heute das Zwischenlager und die Erkundungsarbeiten für das Endlager zu betreiben.

Der Berliner Rechtsanwalt Rainer Geulen, der seitdem die Bürgerinitiative in vielen Verfahren vertreten hat, erläutert das so: "Die würden bis heute kein einziges Grundstück haben und würden noch immer versuchen zu enteignen. Das Eigentum ist hierzulande verfahrensrechtlich mehr geschützt als Leben oder Gesundheit. Trotz der gehabt. Einmal wurde der Bebauungsplan für nichtig erklärt, das heißt sie können, falls sie es doch noch versuchen sollten, nicht enteignen. Wir haben für das Zwischenlager mal einen Baustopp erreicht, 1981, der allerdings nach einem halben Jahr wieder aufgehoben wurde. Dann haben wir, nachdem das Zwischenlager fertig war, jetzt einen Einlagerungsstopp erreicht. Der könnte noch ein halbes Jahr Bestand haben. Dennoch sind unsere Mittel gegen die Übermacht unglaublich bescheiden. Die DWK rückt einfach mit 6000 Seiten Sicherheitsgutachten an, die haben Dutzende von mit Steuergeldern bezahlten Wissenschaftler, die für sie arbeiten. Außerdem ist es ja nicht so – und das gilt um so mehr, je höher man kommt –, daß die Gerichte auf der Seite der Bürger stehen. Die Statistik von atomrechtlichen Verfahren ist vernichtend, in den letzten fünf Jahren wurde in allen Fällen ausnahmslos zu Lasten der Bürger entschieden. Du kannst prozessieren bis zum Erbrechen und verlierst immer. Das ist sehr pointiert gesagt,

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aber das ist so." Wolf Römming, Mitte 30, ein 68er, ist ein Kollege Rainer Geulens. Er vertritt einen von 15-Lüchow-Dannenbergern, die der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verdächtigt werden. Vor fünf Jahren gehörte er auf 1004 zu der Gruppe, die die Aktion vorbereitet hatte und spürbar lenkte – bis zur völligen Erschöpfung. "Wir haben da vier Wochen eine Utopie verwirklicht, und ich erinnere mich noch, wie Leute, die eigentlich hätten arbeiten müssen, gesagt haben, auch wenn ich meinen Job verliere, ich bleibe hier. Es gab die harte Fraktion und eine eher liberale, aber alles hat sich in langen Diskussionen zusammengerauft. Letztlich hat 1004 die Gewaltfreien sehr bestätigt, wobei wir allerdings nicht aus einer Ideologie der prinzipiellen Gewaltfreiheit gesagt haben, daß wir bei der Räumung nur passiven Widerstand leisten, sondern es war eine taktische Überlegung, daß dieses friedliche Dorfleben nicht in einer großen Schlacht enden darf."

1004 sei der Höhepunkt gewesen, sagt Wolf Römming, danach sei es schwierig geworden, so viele Leute auf die Beine zu bringen, die Friedensbewegung habe alles aufgesogen, und daß das Prinzip der Gewaltfreiheit sich dann "so kleingärtnerisch, preußisch" ausbreiten würde, habe er sich auch nicht träumen lassen. Tatsächlich war 1004 die letzte große Aktion, zu der sich Militante und Gewaltfreie zusammengerauft haben, danach gingen die Militanten in den Häuserkampf und die Gewaltfreien zogen, "we shall overcome" singend, gegen die Pershing.

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"Mich hat hier aber gerade die Kontinuität und Hartnäckigkeit fasziniert, die es in der Stadt gar nicht gibt", sagt Wolf Römming, "hier – und das sind besonders die Frauen – wird einfach weitergemacht, obwohl es doch manchmal schon unerträglich anzusehen ist, wieviel Zeit, Energie und Phantasie man verwendet, und dann kann man es doch nur verlangsamen ... und hoffen, daß das Atomprogramm irgendwann an seiner Unwirtschaftlichkeit zugrunde geht."

Für die erste entscheidende "Verlangsamung" des Gorlebener Schlüsselprojekts für das Atomprogramm waren ein paar hundert Atomgegner in einem siebentägigen Treck vom Wendland bis nach Hannover gezogen, der mit über 100 000 Menschen zur größten Demonstration seit der Bewegung gegen die Wiederbewaffnung in den 50er Jahren wurde. Es war der 31. März 1979. Drei Tage zuvor hatten sich 62 Wissenschaftler aus zehn Ländern in der niedersächsischen Hauptstadt zum Gorleben-Hearing versammelt, dessen harmonischer Verlauf allerdings schon am zweiten Tag durch einen "Störfall" in dem Reaktor Three Mile Island bei Harrisburg, Pennsylvania, in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Nachdem die Bürgerinitiative im Landkreis auch noch über 20 000 Unterschriften gegen die Atompläne gesammelt hatte, verkündete Ernst Albrecht sechs Wochen später, die Wiederaufbereitungsanlage im Landkreis werde nicht gebaut. Daß er sie dann vier Jahre später, diesmal in Dragahn, wieder aufstellen lassen wollte, war ein wertvoller Beitrag zum Thema Glaubwürdigkeit in der Politik. Die Politiker der etablierten Parteien haben in Lüchow-Dannenberg wenig unversucht gelassen, ihr Ansehen bei den Atomkritikern zu schmälern. Nachdem Bundeskanzler Helmut Schmidt sich im April ’81 mit Kommunalpolitikern des Landkreises getroffen hatte, hieß es in der Elbe-Jeetzel-Zeitung: "Zum Widerstand gegen atomare Pläne meinte der Kanzler, dieser sei ein Zug der Zeit, der binnen kurzem abgefahren sei, dann würden die Schreihälse der Geschichte angehören."

Prophetie ist ein schwieriges Geschäft, und die Atomgegner hatten schon vor dem Kanzlerbesuch einen scnweren Schlag verwunden: Der Gorlebener Gemeinderat genehmigte der DWK gegen eine einmalige "Infrastrukturhilfe" von fünf Millionen Mark und eine jährliche Zuwendung von einer Million den Bau eines Zwischenlagers für strahlenden Müll. Das Zwischenlager, hinter hohen Erdwällen versteckt und in unmittelbarer Nähe der Festung, in der das Endlager erkundet wird, kostete rund 80 Millionen und brachte knapp 60 Arbeitsplätze in den Landkreis.

"Wir haben uns nicht in die Geschichte verabschiedet", sagt Undine von Blottnitz mit einem trotzigen Unterton, "wir sind eigentlich heute genauso stark wie immer." Was sich bei einigen allerdings inzwischen verändert hat, sind die Mittel des Widerstands. "Es gibt Leute", sagt Wolf Römming, "die sind aus Resignation und Wut dazu gekommen, Anschläge zu machen. Ich halte das für einen falschen Weg."

"Es hat viele Sabotageakte gegeben, wie man das im umgangssprachlichen Sinne am besten sagt", bestätigt mir auch Herr Will, seit 34 Jahren Polizist. Leitender Polizeidirektor ist er und leitet seit knapp fünf Jahren die Sonder-Schutzpolizeidirektion zur Sicherung der Atomanlagen. "Der Sachschaden beläuft sich auf knapp vier Millionen mittlerweile. Ende ’83 hat sich in der Szene eine Gruppe artikuliert, die sagte, die ganze Demonstriererei ist für die Katz, wir müssen zu Nachtund-Nebel-Aktionen schreiten." Da die Nächte im Wendland oft neblig und die Bahnlinien, auf denen die Atommülltransporte rollen sollen, zu lang sind – "die ließen sich nur mit einem wahnsinnigen Polizeiaufwand bewachen" –, hat die Polizei bisher niemanden in flagranti erwischt.

Wie viele Beamte zum Schutz der Atomanlagen in Gorleben stationiert sind, will Herr Will nicht verraten. "Drei uniformierte Streifen sind mindestens rund um die Uhr unterwegs, dazu Kripo in Zivil, wenn etwas geplant ist, sind es natürlich mehr, vor Großaktionen mehrere Hundertschaften. Trotzdem, so viele Kräfte wie vor fünf, sechs Jahren haben wir nicht mehr." Damals war die offizielle Zahl 1500.

Nur Mut! David besiegte Goliath

Herr Will sagt, er respektiere die Bürgerinitiative, "warum auch nicht? Mit friedlichen Mitteln seine Meinung zu äußern, das gehört eben zu einer Demokratie". Er selbst ist allerdings grundlegend anderer Meinung: "Ich sehe keine Gefährdung für Menschen durch einen vernünftigen Umgang mit Kernenergie." Die Festung, hinter deren Betonmauern der Salzstock ausgehöhlt werden soll, behagt ihm allerdings nicht: "Das sind Bilder, die ich auch nicht so gerne sehe: Aber das Gelände wird ja bald verkleinert werden, und vielleicht braucht man irgendwann nur noch einen kleinen Zaun."

Marianne Fritzen sagt zu Herrn Wills Prognose: "Ich habe vor wenigen Tagen an einer offiziellen Besichtigung teilgenommen, und da hieß es, daß das heute 33 Hektar große eingemauerte Gelände auf knapp 100 Hektar vergrößert werden wird. Ich weiß nicht, ob das Dummheit ist oder Lügen sind", sagt die Vorsitzende der Bürgerinitiative. Ihr Lachen hat dabei einen bitteren Unterton. Sie hat zu viele Lügen gehört in den nunmehr 13 Jahren, in denen sie sich dem Kampf gegen die Atomenergie und ihre Gefahren verschrieben hat. Als die damals noch sozialdemokratische Landesregierung Niedersachsens 1973 eröffnete, daß sie in einem Landschaftsschutzgebiet an der Elbe – unweit von Gümse, wo die Genossen heute feiern – einen Atomreaktor aufbetonieren lassen möchte, war Marinanne Fritzen in Bewegung gekommen. Zuvor hatte sie sich eher um ihren biologischen Garten und die fünf Kinder gekümmert als um Politik. Im März 1977 organisierten sich 20 Leute in einem eingetragenen Verein, Marianne Fritzen wurde zur Vorsitzenden gewählt, und sie ist es, von einer einjährigen Pause abgesehen, bis heute. In jener Pause sprang Rebecca Harms ein. Die Ersten Vorsitzenden der Bürgerinitiative waren immer Frauen, denn der Widerstand gegen eine von Männern ersonnene Technologie im Wendland ist wesentlich weiblich. Lange bevor die Grünen in Bonn einen Frauenvorstand wählten, hielten Undine, Marianne, Rebecca und andere mehr die wichtigsten Fäden in der Bürgerinitiative in der Hand. Die Lüchow-Dannenberger Frauen haben einfach einen längeren Atem als die Männer.

Marianne Fritzen hat sich schon oft gefragt: "Warum mache ich das alles? Warum lege ich mich nicht in unserem wunderschönen Garten in den Liegestuhl und lasse es mir gutgehen? Es ist Überzeugung, Angst habe ich keine. Ich war mir immer im klaren, daß man die Anlagen nicht in zwei Jahren wegkriegt. Da muß man hartnäckig sein. Wenn wir immer Sitzungsgelder bekommen hätten, wie unsere Gegner, dann wären wir steinreich heute. Statt dessen wird uns von Kommunalpolitikern nachgesagt, wir würden vom Osten bezahlt. Ich meine, ich bin bestimmt nicht rechts, ich bin auch kein Kommunist, ich opponiere nur gegen die bestehende Macht."

Marianne Fritzen ist über 60 und lebt seit 28 Jahren im Landkreis. Ihr Aktivismus hat sich inzwischen auch stilistisch in ihrem Häuschen am Waldrand niedergeschlagen, die kleinbürgerliche Einrichtung ist von alternativem Ambiente überflutet. Wenn sie von 1004 erzählt, blitzen ihre schlauen Augen. "Die Stimmung, die Phantasie, die Einheit, das war einzigartig." Besonders wichtig sei es für sie auch gewesen, ganz andere, junge Leute kennenzulernen: "Diese Berliner Kerle, die für mich in den schwarzen Lederjacken zuerst aussahen wie Rocker, das sind oft richtig liebe Jungs. Ich weiß noch, wie ich kurz vor der Räumung zu ein paar gegangen bin, von denen es hieß, daß sie losfahren wollten, um Mollies zu holen – ich wußte ja damals nicht mal, was Mollies sind, ich dachte nur was ganz Schreckliches. Ich habe mit ihnen geredet und sie zum Schluß gefragt: ‚Versprecht ihr mir, daß ihr das bleiben laßt?‘ ja, Marianne’, haben sie gesagt."

Zu den Anschlägen der letzten Zeit sagt Marianne Fritzen: "Ich verstehe das gut, manchmal habe ich auch das Gefühl, alles wegsprengen .. ., aber dann wird es neu gebaut, wir landen vor dem Kadi und sind weg vom Fenster." Statt auf Nachtund-Nebel-Aktionen setzt sie eher darauf, wieder mehr Menschen auf die Beine zu bringen. Daß die Konkursmasse der Friedensbewegung berechtigte Hoffnungen macht, hat sie gerade in einem Buch bestätigt gefunden. Da heißt die Devise: "Ist der Friedenskampf passé, geht’s wieder gegen’s AKW."