Die zierliche, kleine Frau ist seit bald zehn Jahren eine der tragenden Säulen des Gorlebener Widerstands, vor einem Jahr holte sie für die Grünen 17 Prozent und zog in das Europaparlament nach Straßburg. Undine stammt aus einem schlesischen Adelsgeschlecht, und vor 20 Jahren heiratete sie standesgemäß Fritz von Blottnitz, dessen Familie seit Jahrhunderten in der Nähe von Lüchow ansässig ist. Vor ihrem Gut in Grabow parkt ein grüner BMW, und in der Eingangshalle ruht ein verstaubter Billardtisch. Über den beiden Treppen, die sich zum ersten Stock hinaufschwingen, hängt ein großes Ölgemälde, das den Oberst Bloch von Blottnitz anno 1915 bei der Überquerung eines französischen Flusses feiert – im schweren feindlichen Feuer.

"Der Adel", so erklärt Undine ihr jahrelanges bedingungsloses Engagement, "hatte schon immer einen Hang zum Anarchismus. Außerdem sind wir ökonomisch unabhängig und lassen uns nicht, so schnell was sagen." Bis sie in die Bürgerinitiative geriet und zum Motor der "bäuerlichen Notgemeinschaft" wurde, war sie zwar Kreiskassiererin der FDP, aber politisch nicht sonderlich aktiv. "Ich bin da bald ausgetreten, genauso wie mein Mann und der Graf von Bernstorff aus der CDU ausgetreten sind. Ich bin auf die Dauer immer politischer geworden, denn man kann ja nicht punktuell gegen die Atomanlagen angehen, man fängt an, immer mehr zu hinterfragen. Du hast gemerkt, daß die Betreiber der Atompläne dich belügen und dann denkst du dir, wenn die so lügen, muß ja die Wahrheit sehr bedrohlich sein.

Ich habe langsam die Folgen begriffen, nicht nur die ökologischen, sondern auch, daß du deine bürgerlichen Freiheiten immer mehr verlierst. Mit der Polizei wird das ja immer schlimmer. Bei der Wendlandblockade stand ich mit einer Gruppe von Leuten weitab von jeglichem Getümmel, da wurden wir eingekesselt, in einen Bus gesteckt und bei Uelzen im Wald ausgesetzt. Oder daß sie auf einen einschlagen, wenn man nur am Straßenrand steht, wenn die Atommülltransporter vorbeifahren.

Bis die ganze Gorleben-Hysterie losging, war hier schon noch die Welt irgendwie in Ordnung. Inzwischen geht ein tiefer Riß durch den ganzen Landkreis, durch die freiwillige Feuerwehr, den Schützenverein, die Kirche, bis in die Familien, sobald die Sprache auf Politik kommt, gibt es handfesten Krach. Und beide Seiten werden immer radikaler. Das ist traurig. Ich versuche, dagegen anzugehen, ich kann auch zum Beispiel die kleinen Ratsherren nicht verurteilen oder die Bauern, die ihre verbrannte Erde verkauft haben. Aber die Politiker, die ein bißchen höher stehen und von denen ich erwarte, daß sie hin und wieder nachdenken, die verurteile ich. Und die Laumänner sowieso, die keine richtige Meinung haben, sondern so mitlaufen."

1004 war nach Undines Meinung etwas Besonderes unter den Dutzenden von Aktionen, die sie mitgemacht hat, "weil da eine unglaubliche Stärke zutage gekommen ist. Wir wußten genau, daß alles wieder platt gemacht wird, aber wir haben so getan, als ob das nicht wäre. Es war so etwas Unbeschwertes mit einer unheimliche Kraft". Woher hat sie ihre Kraft? "Ich liebe dieses Land. Deshalb kann ich auch nicht weglaufen, den absolut Miesen das Feld überlassen, das geht doch nicht. Und dann bin ich auch ein gläubiger Mensch, deshalb vertraue ich drauf, daß wir es doch schaffen. Es geht zwei Schritte vorwärts und dann eindreiviertel wieder zurück, und mit diesen Viertelschrittchen müssen wir leben."

Eine Wand ihres Büros ziert ein Holzschnitt mit zwei kämpfenden Männern und dem Spruch "Nur Mut, David besiegte Goliath". Daß die Bürgerinitiative, die heute knapp 700 Mitglieder hat, sich eines übermächtigen Gegners zu erwehren haben würde, wurde bereits im November 1976 offenkundig. Zu dieser Zeit begaben sich die Minister Werner Maihofer, Hans Friderichs und Hans Matthöfer in die niedersächsische Staatskanzlei zu Hannover, um mit Ernst Albrecht ihre Pläne eines "integrierten Entsorgungszentrums" abzustimmen. Als Albrecht dann am 22. Februar 1977 Gorleben als vorläufigen Standort für das atomare Endlager und die Wiederaufbereitungsanlage für Kernbrennstoffe benannte, war Gorleben die längste Zeit ein vergessenes Dorf im "Zonenrandgebiet" gewesen.

Der gesamte Landkreis Lüchow-Dannenberg, der südlich der Elbe wie eine Zunge in die DDR hineinragt, war bis dahin eine vom Fortschritt verschonte Region: mit 40 Menschen pro Quadratkilometer der am dünnsten besiedelte Kreis der Bundesrepublik (Durchschnitt 247 qkm), so gut wie keine Industrie und bis vor drei Jahren nicht mal eine einzige Ampel. Dafür brüten bis heute in den Auwäldern an der Elbe Kraniche. Störche, Himmelsziegen, Steppenhexen und anderes seltenes Getier haben eine letzte Zuflucht vor dem Industrialismus gefunden. Kommunalpolitiker – wie der Kreisdirektor Paasche – werteten die idyllische Abgeschiedenheit freilich so: "Es hilft wenig, daß wir auch bei der Zerstörung der Landschaft stark rückständig sind." Was sich für den industriegeschädigten Großstädter rund um das Wochenendhäuschen als Paradies präsentiert, bedeutet nämlich für viele Lüchow-Dannenberger Arbeitslosigkeit. Sie lag hier schon immer mehrere Prozent über dem Landesdurchschnitt. In den Nachbarkreisen wird das Autokennzeichen "DAN" gelegentlich als "die armen Nachbarn" buchstabiert, und das wichtigste Ziel der Kommunalpolitiker ist es, die "Strukturschwäche" zu beseitigen.