Die bisherige touristische Bilanz der osteuropäischen Länder kann sich sehen lassen. Wissenschaftler prognostizieren sogar noch einen weiteren Zuwachs.

Die Entwicklung des Osteuropatourismus ist gleichzeitig ein Spiegelbild des politischen Ost-West-Verhältnisses konstatiert Norbert Röper, Mitarbeiter des hessischen Instituts für Friedens- und Konfliktforschung. Seit zehn Jahren beschäftigt er sich dabei unter anderem mit der Frage, inwieweit Fremdenverkehr, von West nach Ost und umgekehrt, Barrieren abbauen und Verständnis füreinander wecken kann. Allein an den Reisezahlen läßt sich nach Meinung Röpers erkennen, wie gerade der Ost-West-Tourismus von besonderen politischen Ereignissen beeinflußt wird. Bis 1960 war der Eiserne Vorhang tatsächlich eine fast undurchlässige Grenze. 1960 reisten gerade 500 000 Westtouristen (darunter versteht man alle aus dem nichtsozialistischen Ausland eingereisten Urlauber) in den Ostblock. Aber auch die Menschen dort dachten zu einem Zeitpunkt, als bei uns bereits die Urlaubswelle rollte, kaum an Reisen ins sozialistische Ausland. Ganze 1,5 Millionen Touristen wurden damals im gesamten Ostblock gezählt.

Der erste Aufschwung erfolgte 1964/65, als einige osteuropäische Länder begannen, ihre bis dahin sehr strengen Paß- und Visa-Bestimmungen zu lockern. Das honorierten 1965 immerhin schon 2,2 Millionen Westtouristen. Rund acht Millionen Einheimische waren innerhalb der sozialistischen Staaten unterwegs.

Als einen weiteren wichtigen Wendepunkt in den touristischen Beziehungen zum Osten bezeichnet Röper das Zustandekommen der Ost-Verträge. In diesem entspannten politischen Klima besuchten 1970 rund 7,8 Millionen und 1975 über 15 Millionen Westtouristen sozialistische Staaten. Unter den Bürgern im Osten war inzwischen auch das Reisefieber ausgebrochen, 1975 gingen rund 45 Millionen auf sozialistische Auslandsreise. 1970 begann auch der Ost-West-Tourismus, 2,4 Millionen Menschen aus sozialistischen Ländern besuchten westliche Staaten. Diese Zahl ist bis 1980, dem vorläufig letzten Datum, zu dem eine offizielle Statistik vorliegt, auf rund sieben Millionen Ost-West-Reisende angewachsen. Spätestens seit Mitte der siebziger Jahre gibt es auch in Osteuropa mit über 60 Millionen Ost-Ost-Reisenden Massentourismus.

Dieses große Fremdenverkehrsgeschäft hat sich sehr länderspezifisch entwickelt, ist zum Beispiel gerade in Bulgarien und Rumänien durch ein ständiges Auf und Ab gekennzeichnet. Durchschritt man in den vergangenen zwei Jahren einmal wieder eine Talsohle, so dürfen die Schwarzmeerländer in diesem Sommer auf einen Touristenboom hoffen. Veranstalter berichten von einem zweistelligen Buchungszuwachs: Rumänien und Bulgarien erwarten zwischen 20 und 40 Prozent mehr Gäste aus der Bundesrepublik Solche Sprünge lassen sich natürlich nicht mehr nur politisch begründen, obwohl auch dabei das abgekühlte politische Klima eine Rolle gespielt haben dürfte. Vielmehr sind dafür die wechselnden Verhältnisse in der touristischen Infrastruktur (Service, Kapazitäten) und aktuell auch die wirtschaftlichen Verhältnisse in unserem Land verantwortlich.

Ein relativ krisenfestes touristisches Geschäft konnten sich solche Ostländer aufbauen, die ihr Angebot breit gestreut haben, neben Sommerurlaub auch Studien-, Rund- und Städtereisen organisieren. Außerdem spielt Verwandtenbesuch und Heimattourismus oft eine wichtige Rolle. Daher ist auch die DDR mit sieben Millionen Gästen aus der Bundesrepublik das von hier aus meistbesuchte Land im sozialistischen Staatenverbund. 82,6 Prozent aller bundesdeutschen Ostblockfahrer reisen in die DDR. An zweiter Stelle auf dieser Skala folgt Ungarn, das sich inzwischen touristisch wie wirtschaftlich am meisten gen Westen orientiert hat. Schlußlicht bildet, obwohl die Zahlen seit Jahren kontinuierlich steigen, noch immer die Sowjetunion, die lediglich von 1,3 Prozent der deutschen Reisenden besucht wird.

Daß der Touristenaustausch auch umgekehrt funktioniert, beweisen beispielsweise Ungarn oder die ČSSR. 1984 besuchten rund 420 000 Bundesbürger die ČSSR, mehr als 65 000 „echte“ Touristen kamen von dort zu uns.

Willi Bremkes