Von Heinz-Günter Kemmer

Ginge es nach dem Leiter der Abteilung Immissionsschutz im nordrhein-westfälischen Umweltministerium, Franz Joseph Dreyhaupt, dann würde in der Bundesrepublik eine neue „Energiereserve“ angelegt. Aufgeschreckt durch Berichte über Dioxin in aus Altöl hergestelltem Motorenöl, würde er am liebsten alles in der Bundesrepublik anfallende Altöl auf ein bis zwei Jahre einlagern lassen, ehe über dessen weitere Verwendung entschieden wird. In dieser Zeit, so glaubt Dreyhaupt, könne man sich Klarheit darüber verschaffen, ob die Wiederverwendung von Altöl für die Gesundheit der Bürger gefährlich sei oder nicht.

Einen wackeren Mitstreiter hat der Düsseldorfer Ministerialdirigent in Friedrich Götz Reimann, dem Geschäftsführer der Kleinholz Recycling GmbH in Essen. Auch Reimann sieht keine andere Möglichkeit als das Altöl für einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren aus dem Kreislauf der Wiederaufbereitung herauszunehmen. Bis dahin, so plädiert er, solle man alle Altöle bei hohen Temperaturen verbrennen.

Axel Szelinksi vom Umweltbundesamt in Berlin sieht das weitaus lockerer. Für ihn ist „abenteuerlich, was da in Nordrhein-Westfalen läuft“. Er kann nicht verstehen, daß „zwei Zufallsanalysen“ derartige Reaktionen ausgelöst haben. Zumal hinter diesen Analysen auch noch ein Unternehmen stehe, das Eigeninteresse habe. Womit Szelinksi ohne Zweifel darauf anspielt, daß die Firma Kleinholz liebend gern ihre alte Raffinerie im Essener Stadthafen zu einer Hochtemperatur-Verbrennungsanlage für belastete Altöle umbauen möchte.

Im Auftrag von Kleinholz aber hatte das Ludwigshafener Labor Kuhlmann ein aus aufbereitetem Altöl hergestelltes Motorenöl, das in einem Kaufhaus feilgeboten wurde, analysiert, und war dabei auf Dioxin gestoßen. Flugs sprach der stern von einer „neuen Ölpest“ und die Frankfurter Rundschau schockte ihre Leser mit der Überschrift „Seveso-Gift in Motoröl für Autos nachgewiesen“. Diese Tatsache ist unumstößlich, läßt sich aber sicher nicht verallgemeinern – weitere Dioxin-Befunde sind nicht bekannt.

Wohl aber die Ursache der Verseuchung, die Reimann so beschreibt: „Bei der Entsorgung wird allerorten gesauigelt“, womit er meint, daß Abfallöl und Altöl munter miteinander vermischt werden – aus sehr handfesten materiellen Gründen. Auf einen Nenner gebracht: Altöl wird nicht nur gratis abgeholt, sondern auch noch bezahlt, für die Beseitigung von Abfallöl muß hingegen geblecht werden.

Die feinen Unterschiede zwischen den beiden Ölsorten beschreibt der Mineralöl-Wirtschaftsverband in einem Merkblatt so: „Altöl im Sinne des Altölgesetzes sind gebrauchte halbflüssige oder flüssige Stoffe, die ganz oder teilweise aus Mineralöl oder synthetischen Ölen bestehen, einschließlich ölhaltiger Rückstände aus Behältern, Emulsionen und Wasser-Öl-Gemischen mit mindestens vier v. H. Ölgehalt. Altöl unterliegt dann nicht mehr dem Altölgesetz, wenn in ihm aus weder gebrauchsbedingten noch betriebsbedingten Gründen Fremdstoffe (z. B. Wasser, Chemikalien, Lösungsmittel etc.) enthalten sind; ein derart verändertes Altöl unterliegt dem Abfallbeseitigungs-Gesetz.“