Von Karl-Heinz Wocker

London, im Juli

Ob Unterhaus-Nachwahlen in England wirklich von Bedeutung sind, darüber streiten die Politiker, seit es sie gibt. Der jeweilige Sieger sieht mit seinem Erfolg die Wende für die nächsten allgemeinen Wahlen bereits eingeleitet, der Verlierer tröstet sich damit, es seien ja noch zwei oder drei Jahre Zeit. Für beide Ansichten läßt sich einiges sagen. Als Eric Lubbock 1962 den Konservativen einen ihrer sichersten Sitze entriß, Orpington in Kent, da glaubten die Politologen, eine neue englische Spezies entdeckt zu haben, den „Orpington man.“Das war der desillusionierte Konservative, der aber nicht den Sprung bis zur Labour Party wagte und lieber den zur Kleinfraktion dezimierten Liberalen neues Lebenslicht einzublasen schien. Es war eine der spektakulärsten Nachwahlen des Jahrhunderts. Heute aber ist Orpington wieder fest in der Hand der Tories. Lubbock dient, mit 56 Jahren, als Lord im Oberhaus auf dem Altenteil.

Umgekehrt kann eine Regierung, der Nachwahl auf Nachwahl verlorengeht, die demoralisierende Wirkung in den eigenen Reihen nicht leicht leugnen. Welche lokalen Besonderheiten auch Nachwahlen bestimmen mögen – kein Wahlkreis ist wie der andere –, solche Abstimmungen zeigen den politischen Barometerstand doch verläßlicher an als die üblichen Umfragen. Freilich sind die Konservativen von einer solchen Serie schlimmer Niederlagen bisher noch weit entfernt, weiter als etwa Harold Wilson im Anlauf zur Wahl von 1970, die er trotz lange beruhigender Meinungserhebungen dann noch verlor. Frau Thatcher hat einfach Glück gehabt, was das Sterben von Fraktionsmitgliedern angeht.

Im Wahlkreis Brecon und Radnor an der walisisch-englischen Grenze hat sich dagegen in der vergangenen Woche gezeigt, daß es zumindest im Augenblick riskant ist, von sicheren Sitzen zu sprechen. 1982 errangen die Tories dort 48 Prozent, Labour und die liberal-sozialdemokratische Allianz blieben bei je 24 Prozent hängen. Letzte Woche mußten sich die Konservativen mit 24 Prozent begnügen, während die beiden Oppositionsparteien 34 beziehungsweise 36 Prozent erhielten. Das ist eine schwere Schlappe für Frau Thatcher. Wenn es auch den optimistischeren Kommentatoren im Lager ihrer Gegner überlassen bleiben muß, darauf hinzuweisen, daß schließlich die Premierministerin in ihrem eigenen Wahlkreis „nur“ einen Vorsprung von 24 Prozent habe, so hat sich doch die Nachwahl von Brecon in die Liste der Rekorde eingereiht. Noch nie mußte eine bislang führende Partei plötzlich mit dem dritten Platz vorlieb nehmen.

Am Wochenende rumorte es hörbar in den Hinterzimmern der Regierung. Finanzminister Lawson, der trotz seines unpopulären Amtes den Anschluß an die Gruppe denkbarer Thatcher-Nachfolger nicht verlieren möchte – er ist sieben Jahre jünger als seine Chefin – legte in einem Interview dar, das Kabinett verfolge doch einen „Mittelweg“, was Etatkürzungen angehe. Diese Äußerung wurde sofort als Kehrtwendung ausgelegt und mußte, mutmaßlich nach Anpfiff von oben, sofort abgeschwächt werden.

Frau Thatcher, deren persönlicher, schwer greifbarer Kursverlust bei vielen eigenen Wählern zum Wahlresultat in Brecon beitrug, ist mit dem ihr weiter folgenden Teil der Tory-Presse des Glaubens, es gehe bei diesen Einbußen ausschließlich darum, daß die Arbeit der Regierung nicht richtig propagiert werde. Die Boten, nicht die Taten seien schuld. Dabei vergißt sie, daß in einem derart auf die Spitzenperson ausgerichteten Kabinett wie dem ihren gerade sie selber die wichtigste Verkünderin ihrer Politik sein muß.

Auch sind bei dieser Nachwahl nicht etwa enttäuschte Tory-Wähler daheim geblieben. Kann man normalerweise bei derartigen Zwischenabstimmungen eine Beteiligung von 60 Prozent als hoch bezeichnen, so gingen diesmal fast 80 Prozent zur Urne. Nur daß die favorisierten Sozialisten den Sieg knapp – um 559 Stimmen – verfehlten und ihr zerstörerisches Kopf-an-Kopf-Rennen mit der sozial-liberalen Allianz fortsetzen, enthält Tröstliches für die Konservativen. Ob sich aber Margaret Thatchers Sparpolitik, das erklärte Ignorieren der Arbeitslosigkeit und das brüske Ablehnen aller Kompromißvorschläge in Zeiten wirtschaftlichen Krise fortsetzen läßt wie bisher, wird nach der Schlappe von Brecon doch angezweifelt.