Von Bernd Wilms

Einer geht und macht nicht viel Geräusch. Einer, der auf den vorderen Plätzen der Theaterliga nie zu finden war, der stets in der Provinz (nicht in der tiefsten, der „gehobenen“ immerhin) sich abgerackert hat. Und einer, der einen seltsamen, nicht sehr weit verbreiteten Beruf ausübt, mit Schwung und Uberzeugung, den des Intendanten.

Ob es ihn schmerzt und kränkt, daß ihm die Leitung eines „ersten Hauses“ nie angetragen wurde? Das beschäftigt Arno Wüstenhöfer wenig, jetzt, wo alles zu Ende geht, pünktlich mit 65. Eher scheint er sich zu fragen: warum denn schön? Überzeugungstäter kann man nicht pensionieren, man kann sie höchstens mürbe machen. Viel später im Gespräch klagt Wüstenhöfer doch, daß er nur „mittelmäßigst dotierten Theatern“ vorgestanden habe, und es sei kein Vergnügen, „immer die Zitrone zweimal auszupressen“. Kunst hat bekanntlich mit Geld zu tun.

Ehe man selber weiß, was man von ihm wissen will, hat Wüstenhöfer zu erzählen angefangen. Mit jünglingshafter Emphase und nicht einfach nostalgisch, sondern als wäre alles, was er zu erzählen hat, unmittelbar Gegenwart und wichtig. Es ist angenehm, ihn nicht zu unterbrechen.

Am liebsten berichtet er von Kämpfen und Gefahren, davon, wie das Schicksal am seidenen Faden hängt und wie es doch noch einmal gut geht, weil er tapfer ist oder listig oder diplomatisch (ein Wort, das er gebraucht und irgendwie nicht zu ihm paßt) – je größer die Hindernisse, desto schöner offenbar das Intendantenleben.

In Lübeck, wo es begann, hat er 1961 nach dem Bau der Mauer Brecht gespielt. Das war politisch unerwünscht, man drohte und übte Druck aus, aber der Brecht verschwand nicht vom Spielplan. In Wuppertal lud Wüstenhöfer eigenmächtig den sowjetischen Botschafter zu einem Gastspiel des Leipziger Theaters ein, also einen Kommunisten zu Kommunisten, und das durfte, auch 1974 in einer SPD-regierten Stadt, nicht sein. Zarapkin kam, und Wüstenhöfer blieb.