Steht der deutsche Aktienmarkt noch auf festem Grund? Nach den Kurseinbrüchen in den letzten Tagen eine sich aufdrängende Frage. Aber noch sind die meisten Börsianer geneigt, gelegentliche Tendenzschwächen als markttechnische Folgen nach einem vorangegangenen kräftigen Kursschub anzusehen. Was sie allerdings nervös macht, ist die Abschwächung des Dollars. Denn bei den Ertragsschätzungen dieses Jahres sind die meisten Analysten der Kreditinstitute von einem Dollar ausgegangen, der über der 3-Mark-Grenze liegt. Sinkt er nachhaltig darunter, müssen die Gewinnprognosen nach unten revidiert werden und dann stellt sich die Frage, ob die deutschen Aktien im internationalen Vergleich tatsächlich so billig sind, wie bisher behauptet worden ist.

Und wie verhalten sich die Ausländer bei einem weiteren Dollar-Rückgang? Wann kommt für sie der Zeitpunkt, an dem sie glauben, genug an ihren deutschen Aktien und an der Mark verdient zu haben? Eine Verkaufswelle der Ausländer würde auf das Aktienkursniveau verheerende Folgen haben. Vor 25 Jahren hatten wir eine ähnliche Situation. Damals brauchte es lange Zeit, bis sich die deutschen Börsen davon erholt hatten.

Es gibt also Gründe genug, warum der deutsche Berufshandel und auch die Aktienprofis in dieser Woche verstärkt „Kasse gemacht“ haben. Für Panikverkäufe besteht aber so lange kein Anlaß wie das wirtschaftliche Umfeld in der Bundesrepublik stimmt. Der sinkende Ölpreis sollte einen Teil des Kursverfalls des Dollars kompensieren. Außerdem tragen die niedrigeren Zinsen zur Ertragsstabilisierung bei. Die geringe Inflationsrate sorgt überdies für einen Wettbewerbsvorsprung der deutschen Industrie auf den internationalen Märkten.

Das sind Gesichtspunkte, die von den Anlegergruppen des Auslandes weiterhin berücksichtigt werden. Die meisten der großen angelsächsischen Pensionsfonds haben deutsche Aktien nicht aus kurzfristig spekulativen Erwägungen erworben, sondern mit der Absicht, ihre Wertpapieranlagen regional zu streuen was nichts anderes heißt, als den Anteil nordamerikanischer Papiere zu vermindern. Wall Street tut sich nicht zuletzt auch deshalb mit einem weiteren Anstieg schwer. Während die deutschen Aktien in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um mehr als 30 Prozent gestiegen sind, schaffte der Dow Jones nur ein Plus von rund 10 Prozent. Überholt wurden die deutschen Aktien lediglich von den italienischen (plus 44 Prozent) und den österreichischen (plus 74 Prozent). K. W.