ARD, 16. Juli, 23.20 Uhr: „Das Schlangenfischkanu – Eine Reise in Amazonien“ von Herbert Brödl und Jobst Grapow

Die Mythologie“, schreibt der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss, „ist ein Apparat zur Beseitigung der Zeit.“ „Das Schlangenfischkanu“, eine Reise zu später Fernsehstunde in ein fernes, fremdes, wunderbares und wundersames Amazonien, belegt diese Erkenntnis. Mythen von den Urereignissen unseres Planeten erzählt dieser Film in einer schönen einfachen Sprache, in Bildern, die einen eigenartigen Sog ausüben.

Dabei ist der Anlaß der Reise ganz profan. Ein tropischer Fisch, der Diskus – empfindsam, launisch, warmes, weiches Wasser liebend – soll im Rio Negro gefangen und nach Europa verfrachtet werden. In einem kleinen Dampfschiff haben sich einige Tukano-Indianer, die im tropischen Waldgebiet Südamerikas leben, die junge, geheimnisvoll Paulette und ein italienischer Pater zusammengefunden. Pater Edoardo lebt schon fünfzig Jahre bei den Indianern, und wie den heiligen Franziskus die Idee der Armut fasziniert, so ist er von der Obsession besessen, die Kultur der Tukanos vor dem Tode zu retten.

Der Ort, von dem aus die Fahrt beginnt, ist trist und staubig. Doch kaum hat sich das Schiff entfernt, ist alle Trostlosigkeit vergessen. Der Fluß weitet sich. Das Schiff fährt jetzt durch stilles, tiefes Wasser, von dem sich in der Dämmerung gewaltige Bäume dunkel abheben. Am nächsten Morgen schimmert die Sonne durch die Wipfel. Noch sind sie der Stolz und der Segen Amazoniens: die Bäume.

Die Bäume, der Himmel, das Wasser – ganz besonders das Wasser – führen zurück zum Ursprung. Er liegt im Schlangenfischkanu, denn das Leben, so die Tukanos, kommt aus dem Wasser, sie selber sehen sich als Fischmenschen. Mit sanft tönender, voller Stimme berichtet Ulrich Wildgruber, erzählender Begleiter der Expedition, die Legende: Das Schlangenfischkanu, vom Schöpfer des Lichtes gelenkt, schwamm, mit der zukünftigen Menschheit beladen, den Rio Negro hinauf. Unterwegs hielt es immer wieder an, damit sich die Menschheit entwickeln konnte. Am Mittelpunkt der Welt angekommen, war die Menschheit fertig. Beim Betreten der Erde sollte sie die „Speise der Unsterblichkeit“ erhalten. Aber die Spinne war schneller, riß sie an sich und kriecht seitdem, wenn sie alt ist, einfach aus ihrer welken Haut. Sie ist den Tukanos seitdem Symbol für ewiges Leben. Sterben ist nur ein Sterben der Haut.

Das Leben auf dem Schiff mit Edoardo, Paulette, Manoel und den anderen ist unbeschwert und rätselhaft-melancholisch zugleich. Paulette weint, und die stille Trauer auf ihrem Gesicht bleibt lange im Gedächtnis. Edoardo, der alte Mann aus Europa, ist mal geschwätzig, mal poetisch zart. Wenn er in einem weißen hohen Korbsessel auf dem Deck des Schiffes sitzt – eine Szene, die sogleich an Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ denken läßt – und vom verschneiten Europa erzählt, sind seine Worte die eines Dichters.

Die Bilder, die Herbert Brödl aus Amazonien mitgebracht hat, sind immer Bildkompositionen (Kamera: Ali Reza Movahed, Cliff Bestall), ein Spiel mit Licht und Schatten. Trotz der grandiosen Landschaft, die einen überwältigten Europäer zu übermäßig vielen Totalen hätte hinreißen können, hat er das Detail nie vergessen. Der winzige Fisch, der Regentropfen, der auf die Wasseroberfläche fällt, sind ihm ebenso wichtig wie das Panorama eines Sonnenaufgangs. Und: sein Film ist voller Töne. Als Paulette in einem Kanu allein durch das ruhige Wasser eines Nebenarmes des Rio Negro gleitet, hört man es summen, surren und zirpen.