Was klingt für westliche Journalisten in Moskau verlockender als die Einladung zu einer Dienstreise mit dem Thema „Weinbau auf der Krim“? Das sowjetische Außenministerium hatte geladen, stellte auch noch die üblichen Kolchosenbesuche in Aussicht.

Die Erfahrung lehrt, daß derartige Unternehmungen nicht selten feucht-fröhlich enden. Auf dem russischen Land werden ausländische Gäste nicht nur reichlich mit Essen, sondern auch mit harten Getränken versorgt. Also auf in den Süden zu Sonne, Meer.

Erste Station war ein Weinbauinstitut namens Magaratsch in Jalta. Die Chefsprecher der Forschungsabteilungen ergingen sich in langen Vorträgen. Auf den Tischen standen nur Mineralwasser und Fruchtsäfte. Es folgte ein Ausflug in die Weinberge und Kellereien. Verführerische Düfte drangen in die Nasen der internationalen Journalistengruppe. Mit sehnsüchtigem Schnuppern bewunderten die Besucher Fässer und Flaschen edelster Jahrgänge. Doch der Institutschef warnte deutlich: „Degustazija nje budjet – eine Weinprobe findet nicht statt.“ Statt dessen durften die Reporter in einem Flaschenmuseum ausgetrocknete Weinstöcke und alte Flaschenetikette würdigen.

Plötzlich jedoch ein Raum, der ganz offenbar gewöhnlich der Degustazija dient: Auf den Tischen lockten endlich geöffnete Weinflaschen und leere Gläser. Ernüchternde Erklärung des sachkundigen Begleiters: „Was Sie dort auf den Tischen sehen, ist Gift. Ich möchte Sie nicht vergiften. Das müssen Sie schon selbst übernehmen.“ Sprach’s und wandte den ausgedürsteten Reisenden den Rücken zu. Es blieben tatsächlich nur Minuten, um wenige Tropfen auf dem Gaumen zu kosten – und weiter ging die Fahrt.

Landwirtschaftliche Betriebe, Sowchosen und Kolchosen, standen auf dem Programm. Die Pflichttour führte durch Stallungen und Kantinen, durch Kindergärten und Kulturhäuser –, für uns fremde Gäste auf das Feinste hergerichtet. Danach ging es an kalorienreiche Mahlzeiten, wahlweise mit Mineralwasser, Saft oder Tee. Erst zum Schluß der Reise und eher zufällig erbarmte sich einer der Kolchosenchefs: „Dort hinten, in der Schrankwand, steht eine Flasche Wodka. Für alle, die es nicht lassen können.“

Die Kampagne gegen den Alkohol hat also das weite Sowjetland ergriffen. In den Geschäften und Snackbars fehlen die Wodka- und Kognakflaschen ebenso wie bei offizieller Bewirtung von Gästen. Ausländer werden den neuen Beschränkungen mit der gleichen Strenge unterworfen wie Sowjetbürger.

Nebenbei war zu erfahren, daß jährlich 200 Millionen Liter Wodka weniger hergestellt werden sollen als bisher. Die Sektproduktion soll zwar fast verdoppelt werden – gleichsam zum Ausgleich – aber dem hochprozentigen Kognak geht es an den Kragen. Mehr noch: Starke Weine sollen niedrigprozentigen Tischweinen weichen. Doch das eigentliche Ziel, an dem eifrig geforscht wird – das erfahren wir auf dieser Reise – ist die Entwicklung eines neuen, alkoholfreien Weines. Na dann, sa wasche starowje.

Johannes Grotzky (Moskau)