Seit die Museen größere Besucherzahlen nachweisen als die Fußballstadien, ist die vor Jahren heftig diskutierte Schwellenangst eigentlich kein Thema mehr. Rechnet man allerdings aus der imponierenden Summe die tut die Kunst der unmittelbaren Gegenwart Neugierigen heraus, dann sind die Zahlen schon weniger eindrucksvoll. Das Interesse an Aktuellem hält sich durchaus in Grenzen.

Vielleicht ist das nur eine Frage der richtigen Adresse. Der erstaunliche Publikumserfolg einer amüsanten, keineswegs jedoch hochbedeutsamen Münchener Ausstellung hat gezeigt, daß Passanten die kostenlose Einladung nur Kunst annehmen, wenn sie sozusagen am Weg liegt. Ein ehemaliges Kaufhaus an einem belebten Platz im Stadtteil Haidhausen präsentierte sich einen Monat lang als „Kaufhaus Kunst“, die Schaufenster im Erdgeschoß waren von Künstlern dekoriert und die Eingangstür stand weit offen – als die Ausstellung vor weiigen Tagen zu Ende ging, hatte man fast zwanzigtausend Besucher gezählt.

Zu Fuß drei Minuten von dem Kaufhaus entfernt liegen in einem Hinterhof, halb versteckt, die Künstlerwerkstätten in der Lothringer Strafe. Hier findet derzeit „Process und Konstruktion“ statt: ein im Schnitt hochkarätiges Ensemble von eigens für die Räume dieser Fabrik konzipierten und großenteils auch an Ort und Stelle ausgeführten Arbeiten von Künstlern, die zur Avantgarde gehörten, solange diese sich ohne angekränkeltes Selbstbewußtsein noch so nannte.

Man gerät nicht zufällig in die Künstlerwerkstätten, man geht gezielt dorthin. Und deshalb haben trotz aller Publizität in den Medien in einem vergleichbaren Zeitraum nur etwa zehn Prozent der Besucher, die im Kunst-Kaufhaus die Arbeiten junger Münchner Künstler besichtigten, die neueste Produktion von Daniel Buren, Joseph Kosuth, Sol LeWitt, Rune Mields, Ansgar Nierhoff, Richard Nonas, Fred Sandback und anderen angeschaut.

„Process und Konstruktion“, initiiert von dem polnischen Bildhauer Ryszard Wasko und organisiert von der Stuttgarter Galeristin Brigitte March, ist als Nachfolgeveranstaltung der gleichnamigen Ausstellung gedacht, die 1981 in Lodz stattgefunden hat, ebenfalls in einer Fabrik (einer voll produzierenden allerdings) und unter der Schirmherrschaft der Gewerkschaft Solidarnosc. Damals in Polen hatte die Ausstellung einen deutlich politischen Akzent und auch einen kunstpolitischen. Die Schau in Lodz war ein Resümee und ein letztes Familientreffen der Avantgarde der siebziger Jahre.

Einem Teil der Künstler begegnet man nun in München wieder. Ihre Kunst hat sich in der Zwischenzeit nicht wesentlich verändert, gewandelt hat sich aber das künstlerische Klima, in dem sie sich präsentiert. In einer Situation, die gekennzeichnet ist durch eine Inflation eher unkontrollierter malerischer Gestikulation, wirken Beispiel von Konzept- oder Minimal-Kunst lange nicht mehr so kopflastig und asketisch wie vor zehn, fünfzehn Jahren. „Process und Konstruktion“verweist auch auf den Verlust an Reflexion in der momentan gängigen Malerei, die in der Hektik des Produzierens nicht mehr dazu kommt, über sich nachzudenken. Ein Vergleich mit ausgewählten Beispielen deutscher Kunst seit 1960 aus der Sammlung des Prinzen Franz von Bayern, vorgestellt in der Staatsgalerie moderner Kunst (im Haus der Kunst), macht deutlich, daß die Maler, die auf die Post- oder Transavantgarde zuarbeiteten, als es diese Bezeichnung noch gar nicht gab, anfangs durchaus die Wirklichkeit (Baselitz), die Kunst (Palermo) oder beides (Polke) im Visier hatte. Bei einigen hat sich dann die Machart verselbständigt, und es ist wohl kein Zufall, daß der Sammler, der – wittelsbachischer Tradition folgend – seine Sammlung dem Staat geschenkt hat, nur einen frühen Kiefer besitzt und nichts aus der jüngeren Produktion von Penck.

Die beiden Ausstellungen, die zufällig parallel laufen, ergeben zusammen erst ein einigermaßen zutreffendes Bild der gegenwärtige Kunstszene, die mit griffigen Gegensatzpaaren – Kopf gegen Bauch oder Gefühl gegen Verstand – nicht zu beschreiben ist. Neben dem Entweder-Oder gibt es immer ein Sowohl-Als-auch ...

(„Process und Konstruktion“, bis zum 31. Juli; der Ende Juli erscheinende Katalog wird ca. 20 Mark kosten; Deutsche Kunst seit 1960, bis zum 15. September, Katalog 42 Mark) Helmut Schneider