Der Eingriff in die Fortpflanzung vollzog sich ohne Wenn und Aber. Keine zwei Jahre nach den ersten erfolgreichen Laborexperimenten wandern nun Embryonen routinemäßig von der genetischen Mutter zur Ammen-Sau. Denn anders als beim Menschen (siehe nebenstehenden Bericht) regt sich kein Schwein auf beim Embryotransfer im Stall.

Im Frühjahr 1984 gelang in der Bundesrepublik der Embryotransfer bei Zuchtsauen; nur in Amerika war dies zuvor gelungen. Seit Ende der siebziger Jahre hatten ein Team um Professor Wolfgang Holtz am Tierzuchtinstitut der Universität Göttingen sowie eine Arbeitsgruppe der Universität München versucht, die künstliche Fortpflanzungshilfe auch beim Borstenvieh anzuwenden.

In der Rinderzucht war die neue Reproduktionstechnik schon damals gang und gäbe: Besonders wertvolle Zuchtkühe produzieren nach Hormongaben ungewöhnlich viele reife Eizellen (eine „Superovulation“); die künstlich mit ausgewähltem Zuchtbullensperma befruchteten Keime werden – im Reagenzglas oder tiefgefroren – auf weniger wertvolle Ammenkühe übertragen; die Ersatzmütter tragen die Kälber aus. So können von einer Super-Kuh so viele Nachkommen produziert werden, als wär’ sie eine Kaninchen-Mutter.

Bei Schweinen ist das nicht so einfach. Sie reagieren besonders sensibel. Auch können weder Sperma noch ihre Embryonen mit gutem Erfolg tiefgefroren gelagert oder verschickt werden. Um den Embryotransfer bei Schweinen direkt in der Praxis erproben zu können, nahm Wolfgang Holtz das Angebot des Schleswiger Hybridzuchtunternehmens „Deutsche Pig“ an.

Die Firma stellte vor allem besonders reinrassige Nucelus-Schweine zur Verfügung. Strenge hygienische Anforderungen erschwerten bisher den Austausch von genetisch wertvollen Tieren. Um die bisher üblichen aufwendigen Schnittentbindungen zu reduzieren, bot sich der Embryotransfer als Alternative an: Nach der Superovulation spülen die Veterinäre die Embryonen aus den Eileitern; die Keime werden nach dem erwünschten Zellteilungsstadium sortiert, wobei die brauchbaren in eine körperwarme Nährlösung gelegt werden. Dort, im Reagenzglas, sind die Embryonen 48 Stunden lebensfähig, so daß ein weltweiter Embryotransfer möglich geworden ist.

Bei 15 Würfen in der Erprobungsphase konnten durchschnittlich mehr als sieben Ferkel aufgezogen werden. Seit dem Frühjahr betreibt ein kleines Team mit mobiler Operationseinrichtung den relativ simplen, halbstündigen Eingriff routinemäßig. Die Narkose wird von den Schweinen gut vertragen, so daß ausgewählte Zuchtsauen mehrfach Embryonen spenden können. Bis Ende Juni wurden 1069 Embryonen aus 32 Sauen entnommen und in 60 Empfängertiere eingesetzt.

Noch stoßen die neuen Superschweine bei den Bauern auf Skepsis. Dabei zeichnet sich schon ein noch gezielterer Eingriff in die Fortpflanzung auch der Schweine ab: Werden Embryonen im frühesten Entwicklungsstadium geteilt, lassen sich künstliche eineiige Zwillinge gewinnen.

Angelika Gördes-Giesen