Die Zahl der Pleiten steigt und steigt Aber das ist die Kehrseite einer an sich erfreulichen Entwicklung

Der Pleitegeier zieht nach wie vor seine Kreise über der deutschen Wirtschaft. Wer erwartet hatte, daß nach vielen Jahren der Krise die Zahl der Unternehmenszusammenbrüche abnehmen würde, weil die große Mehrzahl der wackligen Firmen mit zu wenig Eigenkapital, veralteten Anlagen und Produkten oder schläfrigem Management schon lange aus dem Markt ausgeschieden sein müßten, sieht sich getäuscht. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage in den letzten Jahren stabilisiert hat, die Gewinne und Umsätze kräftig steigen und der Export floriert wie selten zuvor, ebbt die Pleitenwelle nicht ab.

Im Gegenteil: Zwischen 1979 und 1980 hat sich die Zahl der Konkurse und Vergleichsverfahren von 8319 auf rund 17 000 nahezu verdoppelt. Wie der Fachverlag Rentrop ermittelt hat, ist vorläufig auch keine Besserung in Sicht, denn im ersten Halbjahr 1985 gab es wiederum 16 Prozent mehr Konkursverfahren als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Dabei sind in dieser Zahl nicht einmal die Firmenzusammenbrüche enthalten, bei denen eine Eröffnung des Konkursverfahrens mangels Masse abgelehnt wurde.

Noch größer ist die Zahl der Firmenlöschungen. In aller Stille und ohne ihre Geschäftspartner auf einem Berg unbezahlter Rechnungen sitzen zu lassen, schieden in den ersten secns Monaten 1985 13 998 Betriebe aus dem Markt aus.

Grund zum Erschrecken? Hinter diesen Zahlen steht manches tragische Schicksal, oft das Ende alter Familienunternehmen, mancher geplatzte Traum vom unternehmerischen Erfolg – und natürlich auch der Verlust zahlreicher Arbeitsplätze von abhängig Beschäftigten. Doch eine isolierte Darstellung der Pleitenrekorde und Unternehmenslöschungen vermittelt – wie so viele Statistiken – nur die halbe Wahrheit. Denn das Firmensterben ist zu einem guten Teil die Kehrseite einer durchaus erfreulichen Entwicklung, nämlich einer noch höheren Zahl von Neugründungen. Waren es zu Beginn der wirtschaftlichen Krise Mitte der siebziger Jahre vor allem marode alte Unternehmen, die nicht mehr die Kraft hatten, in dem rauheren Klima zu überleben, so sind heute unter den Pleitekandidaten sehr viele Neugründungen.

Denn auch hier gibt es einen Boom, nicht nur bei den Pleiten. Fast zwanzigtausend junge Unternehmen wurden allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres ins Handelsregister eingetragen. Noch weit höher dürfte die Zahl der Neugründungen sein, bei denen zunächst nur ein Gewerbeschein beantragt, aber kein Eintrag ins Handelsregister vorgenommen wird.

Unausweichliche Folge einer wieder zunehmenden Unternehmungslust und einer – erfreulicherweise – wieder wachsenden Risikobereitschaft bei Hochschulabsolventen, jungen Managern und Erfindern ist freilich, daß auch die Zahl der Fehlschläge steigt.