Die Reinhaltung der Luft stellt die Kraftwerksbesitzer vor neue Probleme

Das Problem ist im wahrsten Sinne des Wortes gewichtig: Es geht um vier Millionen Tonnen. Das ist die Menge Gips, die Ende der 80er Jahre, wenn alle Kohlekraftwerke umgerüstet sind, als Abfallprodukt aus den Rauchgasentschwefelungsanlagen kommt. Dieser Gips muß beseitigt werden. Ein Nachweis über diese Beseitigung ist die Voraussetzung dafür, daß dem Betrieb eine Entschwefelungsanlage genehmigt wird.

Daß alle vier Millionen Tonnen da untergebracht werden, wo Gips normalerweise verwendet wird, am Bau und bei der Zementherstellung, ist so gut wie ausgeschlossen. 1984 sind in der Bundesrepublik 2,4 Millionen Tonnen Gips am Bau und 700 000 Tonnen in der Zementindustrie verarbeitet worden. Selbst wenn die Gipsindustrie sämtliche Steinbrüche stillegte, in denen der Naturgips gewonnen wird, gäbe es für mehr als zwanzig Prozent des aus den Kraftwerken kommenden Gipses keine Abnehmer.

Dennoch wagt Heiner Hamm, Geschäftsführer der Gebr. Knauf Westdeutsche Gipswerke im fränkischen Iphofen, die Prognose, daß der Gips aus den Steinkohlekraftwerken – seiner Schätzung nach etwa zweieinhalb Millionen Tonnen – unterzubringen sei. Die Erzeuger von Elektrizität aus Braunkohle, im wesentlichen also den Stromriesen RWE, verweist er auf die Deponie.

Hamm wird von der Gipslawine im übrigen nicht überrascht. Das Problem hatten die Japaner, die viel früher mit der Entschwefelung von Kraftwerksabgasen begonnen haben, schon vor zehn Jahren. Der Unterschied war nur, daß es in Japan so gut wie keinen Naturgips gibt und der Bedarf früher durch Importe gedeckt werden mußte.

Wer nun glaubt, die Gipsindustrie werde ihre Steinbrüche reihenweise stillegen, der irrt. Neben den Steinbrüchen stehen nämlich die Fabriken. Und die Arbeit in den Steinbrüchen ist so weit mechanisiert, daß dort nur noch jeweils drei oder vier Mann arbeiten. So kostet Naturgips „vor dem Ofen“ zwischen acht und sechzehn Mark je Tonne. Für diesen Preis kann man keinen Rauchgasgips aus dem Ruhrgebiet nach Iphofen transportieren.

Das ist der springende Punkt. Die Stromeizeuger stellen ein vollwertiges Rohprodukt her und wollen dafür Geld haben. Die Gipsindustrie hingegen sieht sich gern in der Rolle des Entsorgers, der durch die bloße Abnahme des Rauchgasgipses eine Leistung erbringt.