ARD, 22. Juli, 23 Uhr: "Er moretto – von Liebe leben" von Simon Bischoff

Eine lausige Gestalt rezitiert Dante in Metro-Schächten, Cola-Dosen liegen in der Fontana di Trevi, eine blonde Frau steigt in einem Anita Ekberg-Kleid ins Wasser: Fellini und Pasolini fallen einem bei diesen Bildern ein...

"Er moretto" heißt der erste Film des 1951 geborenen Schweizers Simon Bischoff, der in Koproduktion mit dem kleinen, rührigen Sender Radio Bremen für die ARD-Reihe "Filmprobe" entstand. Der Film erzählt eine Liebesgeschichte: die Geschichte seines Autors mit einem römischen Strichjungen. Bischoff lebte in Rom, in diesem "miscuglio di grandezza e miseria", dieser Mischung aus Größe und Elend, wie es zu Beginn des Films in einem Lied heißt. Hier in seiner zweiten Heimat wurde er von Franco, dem Strichjungen, verlassen, mit dem er zwei Jahre zusammengelebt hatte. Franco zog zu Renato, einem kleinbürgerlichen Krankenpfleger, und stieg dann ganz aus dem Milieu aus. Heute träumt Franco, der bald 18 Jahre alt wird, von schnellen Autos, einem guten Zuhause. Er hat eine Freundin, möchte irgendwann heiraten.

Es hätte ein rührseliger Film werden können: hier der gekränkte Verlassene, der seinen Verflossenen aushorcht – dort der geläuterte Prostituierte. Aber es kommt anders: Bischoff bringt sich zwar selbst in den Film ein (in Form eines langen Interviews mit Franco), aber er bleibt eine Stimme aus dem Off, die Fragen stellt. Fragen, die nur in ganz wenigen Augenblicken abzugleiten drohen. Deutlich wird: Der Autor liebte an dem Jungen nicht nur das Knabenhafte, er war vor allem fasziniert von der sozialen Sprengkraft, die er in der Schicht dieser Outlaws erkannte. In dokumentarischen Aufnahmen wird ihre Herkunft gezeigt, die römische Vorstadt, die, wie Pasolini einmal sagte, das Zentrum der Mächtigen belagert.

Die Wirklichkeit hat Bischoff in Spielszenen nachgestellt (mit dem Zigeunerjungen Alevino di Silvio in der Rolle Francos). Er hat immer wieder Kunst schaffen wollen – Tiefe und Komik herzustellen versucht –, als sei die Wirklichkeit der Homosexuellen dokumentarisch nicht nachvollziehbar. Wo Fellini-Einfälle, Lächerliches und Dokumentarisches sich mischen, liegt die Schwäche des Films. Hier wird er zu einer zweifelhaften "Trauerarbeit", die den Untergang einer asozialen Welt beklagt, die für den Intellektuellen als Gegengewicht zur sauberen Fassade der Konsumgesellschaft dient und ihm sein inneres Gleichgewicht bescheren soll.

Bischoff setzte auf das Subversive dieser "ragazzi di vita" und mußte dann mitansehen, wie auch die Außenseiter sich anpassen. Der Intellektuelle kann zwischen den Welten springen, während der junge Franco sich für eine entscheiden muß. Bischoffs "Er moretto" formuliert mit dieser Einsicht auch den Abschied von den anarchistischen Vorstellungen der eigenen Jugend. Henning Klüver