Von Christoph Bertram

Rom, im Juli

Der schmalschultrige, elegant gekleidete Mann mit dem abwägenden Blick hinter den dicken Brillengläsern und dem Kammerton in der Stimme zeigt keine Reue. Giulio Andreotti, der gewiefte, verbindliche Großmeister auf dem Schachbrett der italienischen Politik – seit 1947 fast ununterbrochen Kabinettsmitglied, mehrfach Ministerpräsident und seit 1983 Außenminister – hatte vor fast einem Jahr durch Bemerkungen zur deutschen Frage die Gemüter nördlich der Alpen erregt. Auf einer Podiumsdiskussion, die ausgerechnet von der kommunistischen Parteizeitung veranstaltet worden war, hatte er gesagt: "Es gibt zwei deutsche Staaten, und zwei sollen es bleiben."

Heute will der Minister im Gespräch in seinem römischen Arbeitszimmer nicht mehr auf den Vorfall eingehen. Aber seine Beweggründe und Überlegungen werden deutlich. "Die wahre Gefahr für Europa", analysiert Andreotti, "ist eine sowjetische politische Offensive mit dem Ziel der Neutralisierung der DDR, die dann auch zur Neutralisierung Westdeutschlands führen könnte." Und er fügt hinzu: "Deshalb meine ich, ohne der Geschichte vorgreifen zu wollen, daß wir uns davor hüten müssen, den Akzent auf das Provisorische der Grenzen zu setzen."

Andreotti ist überzeugt, daß die Mißverständnisse und Verstimmungen, die seine damalige Bemerkung in der Bundesrepubik auslöste, inzwischen beigelegt sind. Ihm geht es auch weniger um die Vergangenheit als um die Zukunft Europas. Und so steuert er das Gespräch auf das Problem, das für die italienische Außenpolitik im Vordergrund steht: die Schaffung der Europäischen Union.

Giulio Andreotti ist gewiß kein Schwärmer, dennoch trägt sein Engagement für ein starkes Westeuropa fast idealistische Züge. In dem Mailänder Europa-Gipfel vor einem Monat, der andernorts mit viel Kritik bedacht wird, sieht er einen eindeutigen, für die Fortentwicklung Europas notwendigen Erfolg. Und in Rom ist noch immer die Erleichterung zu spüren, daß die Bonner Regierung nicht im entscheidenden Moment umfiel. "Kohl war bravissimo", lobt Andreotti. Der Sündenfall des deutschen Vetos bei den Getreidepreisen sei durch das feste Auftreten des Kanzlers in Mailand wieder wettgemacht worden.

Die Italiener sind felsenfest überzeugt, daß Europa nur durch eine vertragliche Reform der Entscheidungsprozeduren vorankommen kann.