Von Hans-Ulrich Grimm

Sie haben ein klappriges Auto und ein knappes Konto, produzieren Marionetten oder machen Entrümpelungen. Einer hat einen Doktorhut und hält gegen Honorar Seminare, ein anderer den Kopf voller Formeln und entwickelt Computerprogramme. Manche sitzen an einer Bildschirmschreibmaschine, die ihnen nicht gehört, und tippen freiberuflich für fremde Firmen Briefe, zu Hause.

Eine kunterbunt schillernde Gruppe, diese „neuen Selbständigen“. Sie sind in den unterschiedlichsten Berufen tätig, hart an der Armutsgrenze die einen, gut betucnt die anderen. Wird es künftig noch mehr Freiberufler geben, „proletarisierte Selbständige“ gar, wie Wissenschaftler befürchten? Ist das überkommene System der sozialen Sicherung gefährdet, das in erster Linie für abhängig Beschäftigte konzipiert ist?

Der gegenwärtig zu beobachtende Trend zur Selbständigkeit ist für Dieter Mertens, Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung und Chef des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, ein „Reflex der allgemeinen Arbeitsmarktlage Wenn viele Menschen keine geregelte Beschäftigung als Lohnempfänger finden, sucht mancher sein Glück in einer freiberuflichen Existenz.

„Ich bin gezwungenermaßen selbständig, weil momentan keine offenen Stellen da sind“, sagt beispielsweise Till Altmann, Industriedesigner in Nürnberg. Er ist beim Arbeitsamt registriert, bekommt auch Arbeitslosenunterstützung, und meldet sich immer wieder kurzfristig ab, wenn er mal einen Auftrag hat: Holzspielzeug zu gestalten oder eine Zahnarztpraxis. Mitunter jobbt er auch auf dem Bau, wenn in seinem Metier nichts zu tun ist.

Beim Bau, als Drucker oder in einer Kneipe arbeiten auch jene Jungunternehmer, die zuerst als „neue Selbständige“ bezeichnet wurden: junge, alternativ angehauchte Leute, meist ohne Job, die neue Formen des Lebens und Arbeitens erproben wollten und, im Gegensatz zu den „alten“ Selbständigen, bei der Unternehmensgründung eher Ideelles im Sinn hatten. Vor allem Lehrer und Akademiker aus verwandten Studiengängen, so fanden die verdutzten Arbeitsmarktforscher heraus, wenden sich diesen handwerklich ausgerichteten Kollektiven zu.

Verkappte Arbeitslose oder neue Selbständige? Mit der Eingruppierung dieser Art von Erwerbstätigen tun sich die Arbeitsmarktexperten schwer. Das Finanzamt sieht die Sache viel schlichter: als Kleinunternehmer gilt für den Fiskus, wer selbständig schafft. Unversehens zum Unternehmer wird da auch mancher Jung-Pädagoge, der ein paar Stunden bei der Volkshochschule, dazu zwei, drei Nachhilfeschüler ergattert hat. Die wenigsten dieser unfreiwillig Selbständigen wollen dauerhaft freiberuflich leben, sie ziehen eigentlich eine feste Anstellung vor. „Selbständige in Wartestellung“ heißen diese Grauzonen-Existenzen bei den Forschern. In einer Nische des Arbeitsmarkts haben sie ihr Auskommen gefunden und mildern, sehr zur Freude der Arbeitsvermittler, die Beschäftigungsprobleme ihrer Berufsgruppe.