Jetzt sollten auch die Praktiken anderer Winzer genauer untersucht werden

Die österreichischen Winzer sind verzweifelt: Der Weinskandal im Burgenland hat ihren Ruf wahrscheinlich für viele Jahre ruiniert. Kein Wunder, daß sie schon „gezielte Diffamierungskampagnen der europäischen Konkurrenz“ vermuten. Doch die schwarzen Schafe sind in den eigenen Reihen: 27 österreichische Großexporteure haben offiziellen Angaben zufolge minderwertige Sorten mit dem giftigen Frostschutzmittel Diäthylenglykol zu Prädikatswein verfälscht. Nun muß die gesamte österreichische Weinwirtschaft dafür büßen. Viele Winzergenossenschaften bemühen sich deshalb um ausreichende Distanz zu den schwarzen Schafen der Branche.

Inzwischen ermitteln die deutschen Landeskriminalämter und mehrere Staatsanwaltschaften auch gegen 21 Abfüller in der Bundesrepublik. Sie haben die glykolverseuchten Lieferungen aus bisher sechs Jahrgängen (1978 bis 1984) eingeführt. Das Bundeskriminalamt und Interpol haben sich ebenfalls eingeschaltet. „Wir können nicht ausschließen, daß auch in Deutschland Diäthylenglykol in die Tankwagen gelangte“, erklärte eine württembergische Fahndungsstelle. Die süddeutschen Kontrolleure haben mit zehn Gramm Diäthylenglykol pro Liter Prädikatswein den bisher höchsten Schadstoffwert der Affäre analysiert. Der Stoff führt zu Leber- und Nierenschäden; vierzehn Gramm können tödlich sein.

Mehrere Millionen Flaschen des verdächtigen Burgenländer Weins wurden bisher in der Bundesrepublik beschlagnahmt. Und beinahe alle deutschen Handelsketten und Supermärkte kündigten bei den österreichischen Lieferanten bis auf weiteres ihre Bestellungen. Mit gutem Grund: Die Gesundheitsbehörden raten Verbrauchern, vorläufig ganz auf den Genuß der österreichischen Importweine zu verzichten.

Doch für die deutschen Konkurrenten auf dem Weinmarkt ist das noch lange kein Anlaß sich zu freuen. Auch die deutschen Praktiken bei der Weinpanscherei kommen jetzt nämlich wieder ins Gerede. Mit 2600 Strafverfahren hat sich allein die Staatsanwaltschaft beim Landgericht in Mainz in den letzten fünf Jahren herumgeplagt.

Für peinliches Aufsehen sorgt dabei vor allem der überraschend publik gewordene Fall des Ehrenpräsidenten der deutschen Winzerschaft, des 69jährigen Werner Tyrell. Der in der Fachliteratur als „Rieslingkönig“ hochgelobte Kartäuserhof-Gutsherr aus Trier soll zusammen mit seinem Kellermeister über 100 000 Liter Wein der Prädikatsstufen Kabinett bis Beerenauslese mit Zucker verfälscht und größtenteils an gutgläubige Abnehmer verkauft haben. Sein Erlös – so will es die Mainzer Landeszentrale für Wein- und Lebensmittelstrafsachen wissen – soll sich dabei auf rund 950 000 Mark belaufen haben.

Das Verfahren gegen Tyrell setzt die Serie der spektakulären Panscherprozesse viel schneller als erwartet fort: Erst unlängst hatten die Mainzer Richter die Weinhandelsbrüder Gert und Heinz-Günter Schmitt aus Longuich an der Mosel zu mehrjährigen Freiheitsstrafen wegen Manipulation mit Zuckerersatz verurteilt. Weil ihre Buchführung nicht mit den tatsächlichen Lieferungen übereinstimmte, war man ihnen bei Routinekontrollen relativ leicht auf die Schliche gekommen.