Belgien: Die Folgen der Katastrophe

Streit um die Verantwortung für die Fußballkatastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion und wahltaktische Winkelzüge ließen die belgische Regierungskoalition auseinanderbrechen.

Belgiens Premierminister Wilfried Martens übergab am Dienstag König Baudouin das Rücktrittsgesuch seiner Mitte-Rechts-Regierung. Tags zuvor war sein Vizepremier und Justizminister Jean Gol von der wallonischen Liberalen Partei zurückgetreten, um gegen den Verbleib von Innenminister Charles-Ferdinand Nothomb im Amt zu protestieren.

Nothomb war nach den Krawallen vor dem Endspiel um die Fußballeuropameisterschaft der Landesmeister zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin heftig angegriffen worden. Bei den Auseinandersetzungen zwischen britischen und italienischen Fußballfans starben am 29. Mai 38 Menschen, mehr als 450 wurden verletzt.

Der Bericht eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses gab die Hauptschuld an den Zusammenstößen zwar den Liverpooler Fans, erhob gleichzeitig aber schwere Vorwürfe gegen die Organisatoren. Er kritisierte die schlechte Zusammenarbeit zwischen der Brüsseler Polizei und der Gendarmerie sowie die völlig unzureichende Vorbereitung der Ordnungskräfte.

Innenminister Nothomb weigerte sich indes beharrlich, die politische Verantwortung zu übernehmen und den Forderungen der Opposition nach seinem Rücktritt, denen sich der liberale Koalitionspartner anschloß, nachzugeben.

Ende der vergangenen Woche schien Premier Martens die Regierungskrise noch abwenden zu können. Im Anschluß an eine hitzige Parlamentsdebatte über den Untersuchungsbericht sprach die Mehrheit der Regierungskoalition dem Kabinett das Vertrauen aus.

Am Montag reichte Justizminister Gol dann überraschend seinen Rücktritt ein, nachdem er zwei Tage zuvor noch für den Vertrauensantrag votiert hatte. Die "abscheuliche" Parlamentsdebatte und das "ungerechtfertigte" Verbleiben Nothombs im Amt, ließ er Premier Martens in einem Brief wissen, mache ihm eine weitere Mitarbeit im Kabinett unmöglich.

Belgien: Die Folgen der Katastrophe

Fünf Monate vor den Parlameitswahlen am 8. Dezember dürfte jedoch nicht nur die reine Gewissensnot den plötzlichen Sinneswandel des Justizministers bewirkt haben. Zwischen Christsozialen und Liberalen kriselt es seit geraumer Zeit. Die Liberalen drängten den Koalitionspartner zu einer rigideren Wirtschafts- und Finanzpolitik, profilierten sich durch eine verschärfte Ausländer- und Einwanderungsgesetzgebung. Da bot der Streit um die Fußball-Toten der rechten Anlaß, um politische Eigenständigkeit zu demonstrieren.

König Baudouin lehnte das Rücktrittsangebot von Wilfried Martens nach intensiven Vermittlungsgesprächen mit den zerstrittener Koalitionären ab. Der 47 Jahre alte Premier, der seit April 1979 die Regierungsgeschäfte in Belgien führt, will jetzt die Parlamentswahlen um zwei Monate vorziehen.

Matthias Naß