Von Siegfried Schober

1. Ilch gehöre zu den Leuten, die Fernsehen und Kultur noch immer (und neuerdings mehr denn je) nicht unter einen Hut bekommen. Das hat damit zu tun, daß Fernsehen – entgegen aller populistischen Anpassungsversuche, denen sich der Kulturbetrieb seit Beginn der siebziger Jahre unterwarf – in meinen Augen ein absolut oberflächliches, flüchtiges und letztlich vorherrschend der Information dienendes Medium geblieben ist – nichts anderes sein kann als das. Es bringt, wenn es sich mit Kultur beschäftigt, mit einem Wort Walter Benjamins höchstens „profane Erleuchtungen“ zustande: Abklatsch, Information, vage Eindrücke – trivialisierte Kultur. Insofern ist, bezogen auf den herrschenden Zeitgeist, eigentlich alles in Ordnung, paßt das Fernsehen bestens in die kulturelle Szenerie, an deren Gestaltung, Umgestaltung und Mißgestalt es maßgeblich beteiligt war. Aber was hat das mit Kultur zu tun?

2. Unsere Gegenwartskultur ist eine Modekultur. Und eine Tempokultur. Es geht vorrangig um Aktualität und Schnelligkeit. Kunstgaleristen sprechen heute schon über Sammlungen, deren Gemälde zwischen 1970 und 1980 entstanden, als handle es sich bereits um einen festen kulturellen Bestand; ein zehn Jahre altes Bild gilt heute als unerschütterbarer künstlerischer Wert, unumstritten, in den Kanon der Moderne aufgenommen. Historisches Denken, auch hier existiert es nicht mehr. Zugleich wird der Warencharakter künstlerischer Produkte immer offenkundiger. Es gibt Leute, die zum Geburtstag viermal das „Parfüm“ von Patrick Süskind bekamen – auch Leute, die nicht einmal Romane lesen. Das Buch hat durch Publicity und einen Boutiquencharakter, für den es nichts kann, eine Aura erhalten, daß man an ihm nicht vorbeigehen kann. Die erwähnten vier Exemplare werden nicht gelesen, vielleicht weiterverschenkt – und wieder nicht gelesen. Wie viele Exemplare der jüngsten Bucherfolge, Ecos „Rose“, Allendes „Geisterhaus“, Süskinds „Parfüm“, Duras’ „Liebhaber“, wurden tatsächlich gelesen? Natürlich, dadurch bleibt die Buchkultur am Leben. Damit sind wir, auf Umwegen, wieder beim Fernsehen, bei Kultursendungen, den sogenannten Kulturmagazinen des Fernsehens. Sie signalisieren, daß es Kultur gibt, daß sie stattfindet. Was aber hat das mit Kultur zu tun?

3. Von den Kulturmagazinen im Hauptprogramm des Fernsehens sind „Titel, Thesen und Temperamente“ noch am sorgfältigsten gemacht. Am häufigsten erscheinen die „Aspekte“ und der „Kulturweltspiegel“, deren gequälte kecke Boulevardjournalismus-Machart einem das Grausen lehren kann. In den dritten Programmen, einst Reservate für Qualität, Experiment und Engagement, ist die Langeweile eingekehrt, von Kontrast kann dort kaum mehr die Rede sein – Folgen von Einschüchterung und Ermüdung?

4. Am stärksten fällt auf – in allen Programmen – das Fehlen „geistiger Auseinandersetzung“. Und das deutet einen Klimawechsel im kulturellen Milieu an, der auf Dauer verhängnisvoll sein muß. Die TV-Kulturmagazine spiegeln da freilich einen Trend wider, der in den großen Publikumszeitschriften ebenso zu beobachten ist. Kultur wird da gerne als Entertainment verkauft, flott, gagig, zum alsbaldigen Verzehr bestimmt. Das mag eine Reaktion auf die intellektuelle Überfrachtung und oft Überanstrengung in den sechziger Jahren sein, aber Reaktion bleibt Reaktion: Rückschritt, wenn einfach das Denken und Weiterdenken eingestellt wird. Geschichte, Geisteswissenschaften, die Situation an den Universitäten, die jüngsten Debatten in Soziologie, Philosophie, Psychologie, überhaupt Debatten, Kontroversen, Zeitdiagnosen sind für die Kulturmagazine fast nie ein Thema – und selbst in den dezidiert literarischen Journalen des Fernsehens wird zunehmend mehr der Plauderton und der Stil einer pseudogebildeten Quasselrunde gepflegt als wirkliche Auseinandersetzung.

5. Was wir von den TV-Kulturmagazinen vorgesetzt bekommen, sind zufällig wirkende, auf Augenblicksereignisse reagierende Streifzüge querbeet durchs internationale Kulturwarenhaus. Auf Francis Bacon folgen die Etrusker und auf die Etrusker musiktherapeutische Versuche mit Behinderten. Alles ehrenwerte Gegenstände, aber für jeden einzelnen hätte es zu einer profunden Darstellung die Zeit gebraucht, die für alle drei zusammen verwendet wurde. Da erscheint dann der Maler Bacon als Showman bei einem Blitzinterview in seiner großen Londoner Ausstellung, die Kamera wackelt um ihn herum, rasch ein paar Augenblickseindrücke und Details von seinen spektakulärsten Gemälden. Daß Bacons Zynismus und bewußt pointierte Banalitäten gespielt sind, die Maske eines verletzlichen Künstlers, der mit sich selber nicht im reinen ist, wird nicht reflektiert. Bacon gibt der Fernsehkamera die Trivialitäten, die sie sucht. Mehr wurde von ihm nicht verlangt. Man sieht auch, die Leute vom Fernsehen hatten es eilig. Rasch wird noch ein Blick auf Bacons Stammkneipe geworfen, auf sein wüstes Leben, seine Homosexualität im Nebensatz verwiesen. Das Skandalon wird angetippt, als Appetithäppchen aufgespießt. Dann schnell hinüber zur Musiktherapie. So verkommt Kultur zum Klatsch.

6. Klatsch ist der Grundzug der TV-Kulturmagazine – und damit das Geschwätz. Die falsche human-touch-Intimität und die pseudoauthentische Reporterpose, die neuerdings in Mode sind, gehören dazu. In einem Bericht über das europäische Musikfest darf der Zuschauer ewig einen hilflosen Reporter betrachten, der so tut, als wäre er bei einer Sportveranstaltung, und mit Floskelgerede die Wartezeit überbrückt: „Es dauert noch ein bißchen bis zur Feuerwerksmusik“, „die Bläser haben Platz genommen“ – aha, die Kultur geht in die Startlöcher! Und als es dann losgeht mit dem Ereignis, wird im Studio die live-Schaltung gekappt, der Moderator erklärt: „Wir müssen weiter in unserer Sendung“.