Sternschnuppen! Wer sich bei ihrem Anblick schon einmal etwas wünschte, mag sich auch gefragt haben, woher die schnell verlöschenden Funken am Himmel kommen. Vielleicht genügte das Schulbuchwissen im Hinterkopf: Lichtspuren in der oberen Atmosphäre, ausgelöst von interplanetarem Staub oder Steinen, die durch die Reibungshitze beim Eintritt in die irdische Lufthülle verglühen.

Aber damit ist die Geschichte der Meteoriten noch längst nicht erzählt. Die meisten jener größeren Brocken, die bis zum Erdboden durchschlagen und von den Fachleuten „Chondriten“ genannt werden, entstammen – dem „Chaos“. So jedenfalls nennt der amerikanische Planetologe Jack Wisdom vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine Region mit ziemlich gestörten Himmelskörperbahnen im Asteroiden-Gürtel jenseits des Mars. Dort, bei Jupiter (und nicht etwa in den Kreisen neuerdings chaosbewußter Trendsetter), sind die Bahnen gestört, weil die ganze Region mit dem Riesenplaneten resoniert, mitschwingt.

Wisdoms Argumente, Ende Juni im britischen Fachblatt Nature veröffentlicht, klingen beim ersten Hinhören etwas nach Sphärenmusik. Aber die Umlaufbahn eines Planeten oder Asteroiden kann mit einer anderen „schwingen“, wenn die beiden Perioden – die Umlaufzeiten um die Sonne – jeweils aus ganzen Zahlen bestehende Vielfache voneinander sind (etwa eins zu drei). Solche Umlaufbahnen können sich gegenseitig beeinflussen, weil die Planeten alle paar Umläufe die gleichen relativen Positionen zueinander einnehmen. Dadurch können sich Störungen aufschaukeln, ausgelöst durch die gegenseitig wirkende Schwerkraft.

Jupiter als der bei weitem größte Planet gebietet auch über die größte Schwerkraft. Häufig ist er die Ursache eines Resonanzeffektes im Sonnensystem, ohne selbst sonderlich gestört zu werden. Und auf genau diese Weise, argumentiert Wisdom, stört der Riesenplanet die Asteroiden.

Im Asteroiden-Gürtel, einer Zone voller planetarer Bruchstücke zwischen Mars und Jupiter, gibt es eine Region, in der die Kleinstplaneten genau dreimal schneller um die Sonnen kreisen als Jupiter. Hier herrscht das Chaos, hier können kosmische Trümmer durch die Resonanz mit Jupiter aus der Bahn geworfen werden – und damit unter anderem auf Kollisionskurs mit der Erde.

Wisdoms Berechnungen stimmen gut mit den Beobachtungen seines Kollegen George Wetherill von der Carnegie Institution in Washington überein. Wetherill hatte herausgefunden, daß die chondritischen Meteoriten aus einer – wie er es nannte – „unbeobachteten Quelle“ zu stammen scheinen. Die planetaren Irrläufer nehmen Bahnen ein, deren sonnennächster Punkt nahe der Erde liegt, der sonnenfernste aber beim Jupiter.

Mit Hilfe eines schnellen Computers hatte Wisdom nun die Umlaufbahnen von Felsbrocken berechnet, die dank gelegentlicher Kollisionen im Asteroiden-Gürtel die Drei-zu-eins-Resonanz erreichen. Dabei fand der Forscher faszinierende himmlische Pfade. Brocken auf der Drei-zu-eins-Bahn laufen etwa die halbe Zeit über brav mit den anderen Asteroiden auf einer annähernd kreisförmigen Bahn um die Sonne. Aber etwa alle hundert Millionen Jahre schaukeln sich die Resonanzen auf, wodurch die labilen Himmelskörper für vielleicht 25 Millionen Jahre auf elliptische Bahnen geworfen werden – Bahnen mit genau der Form, die Wetherill aus der Beobachtung von Meteoritenspuren ermittelt hatte. Robert Walgate