Unfälle sind die "Kinderkrankheit Nr. 1". Aber Kinderunfälle sind keine Zufälle

Von Charlotte Kerner

Die größten Kinderkiller unserer Tage sind nicht mehr Infektionskrankheiten wie Pocken, Tuberkulose oder Diphterie. Zur "gefährlichsten Krankheit für Kinder" wurde der Unfall, zu Hause und auf der Straße.

Auf das Konto "Unfall" gehen in der Bundesrepublik pro Jahr über vierzig Prozent der Todesfälle bei Kindern bis 15 Jahre. Dauerhaft geschädigt und zu Invaliden werden schätzungsweise viertausend Mädchen und Jungen. Zehntausende müssen ins Krankenhaus, und etwa 300 000 werden nach einem Unfall ambulant verarztet.

Zwei bis drei Millionen Kinder werden auch in diesem Jahr hierzulande verunglücken. Die Deutsche Behindertenhilfe Aktion Sorgenkind e. V. widmet deshalb ihre Öffentlichkeitskampagne 1985/86 dem Unfall als der Kinderkrankheit Nr. 1. Seit April fragen die Vorsorgeexperten auf Plakaten und in Broschüren: "Haben Sie den beschützenden Blick?" So ließe sich manche gefährliche Situation voraussehen und vermeiden. Und doch: Hinter den Kinderunfällen steckt mehr als eine leicht vermeidbare Unachtsamkeit einzelner.

Die These, "Unfälle sind keine Zufälle", bestätigen die Untersuchungen der "Arbeitsgruppe Kinderunfälle Berlin/Lübeck". Auf den vielen Arbeiten dieser Gruppe zur "Epidemiologie von Unfällen im Kindesalter" baut auch die Aktion Sorgenkind ihre Aufklärung auf. Seit 1977 untersucht das vierköpfige Team aus Medizinern und Sozialwissenschaftlern bundesweite Statistiken und Unfalldaten aus Schleswig-Holstein. Die Wissenschaftler befragen außerdem die Eltern jener verunglückten Kinder, die an der Medizinischen Hochschule Lübeck stationär und ambulant versorgt wurden. Dabei interessierten sich die Forscher für den Unfallhergang und die Familiensituation.

Unfälle sind keine Zufälle. Diese Aussage mutet, das weiß die Arbeitsgruppe, "angesichts der persönlichen Tragik des Geschehens wie eine Provokation an, auch angesichts der Unmöglichkeit, im Einzelfall zu beschreiben, welche Bedingungen nun eigentlich dazu geführt haben, daß sich ein Unfall ereignet, während andere Menschen ähnliche Situationen ganz ohne Gefahr für Leib und Leben meistern".