In einem Klima der Konfrontation kann der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit nicht gewonnen werden

Eigentlich müßte dies für jeden eine unerträgliche Vorstellung sein: In einem so reichen, gut organisierten, technisch, wissenschaftlich und politisch hoch entwickelten Land wie der Bundesrepublik bleiben mehr als zwei Millionen Menschen – darunter Hunderttausende von Jugendlichen – auf unabsehbare Zeit ohne Chance. Es werde wohl nicht mehr sehr viel schlimmer werden, meint Heinrich Franke, der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit. Es bestehe aber auch keine Aussicht für eine nennenswerte Besserung: Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Unterstützungsempfänger als „Beruf“, ein verpfuschtes Leben, Selbstzweifel, Persönlichkeitszerstörung für Hunderttausende als unentrinnbares Schicksal?

Das kann und darf eine humane Gesellschaft, die stolz auf ihre Spitzenposition unter den führenden Industrienationen ist, nicht einfach hinnehmen. Schließlich ist die gegenwärtige Misere nicht wie in früheren Jahrhunderten die Folge einer Serie von Mißernten oder einer Seuche, sondern ein Ergebnis politischer Fehlentscheidungen, falscher Erwartungen, überzogener Verteilungskämpfe – Menschenwerk also, das auch durch Menschen, die einsichtig und guten Willens sind, wieder korrigiert werden kann. Es darf nicht sein, daß eine Lösung dieses Problems an Trägheit, Borniertheit, Einfallslosigkeit oder am engstirnigen Widerstand von Interessengruppen scheitert, die nur ihre eigensüchtigen Ziele im Auge haben – koste es die Allgemeinheit, was es wolle.

Natürlich gibt es viele Vorschläge zur Überwindung der Beschäftigungskrise. Oft stammen sie aber aus einer bestimmten politischen, ideologischen oder sozialen Ecke. Die Debatte über den Weg aus der Krise ist deshalb kontrovers, oft sogar feindselig geführt worden. Wer statt Konfrontation Möglichkeiten der Kooperation suchte, wurde im eigenen Lager leicht als Verräter gebrandmarkt.

Um so bemerkenswerter ist deshalb die Initiative einiger „Nordlichter“. Am Anfang stand der moralische Impuls eines Bischofs, der es einfach nicht akzeptieren mochte, daß sich die Gesellschaft mehr oder weniger fatalistisch mit der ungleichen Verteilung der Arbeit abfindet. Doch schon bald wurde ihm und seinen kirchlichen Mitstreitern klar, daß ohne ökonomischen Sachverstand und die Bereitschaft der großen Interessengruppen, sich an einer breit angelegten Offensive gegen die Arbeitslosigkeit zu beteiligen, die Schlacht nicht zu gewinnen sei. So bildete sich ein ungewöhnlicher Kreis. In ihm saßen neben dem Mann der Kirche je ein Vertreter der Arbeitgeber, des DGB und der DAG, der CDU und der SPD. Sie diskutierten hart, aber fair und offen – und vor allem mit dem Willen zur Einigung – eine gemeinsame Strategie: im Kampf gegen den Volksfeind Nr. 1. Jeder hatte dabei zu prüfen, wie weit er den anderen entgegenkommen konnte, ohne sich von seinem eigenen Lager so weit zu entfernen, daß er dort keine Basis mehr hatte: Der Geist war willig, aber die Organisation ist stark.

Unter diesem Aspekt muß das Ergebnis (siehe dazu Seite 25) auch gewertet werden. Es ging nicht um die Suche nach einem neuen Patentrezept, nach Ideen, die zuvor noch niemand gehabt hatte. Es ging vielmehr um die gemeinsame Ausschilderung eines Weges, den alle großen gesellschaftlichen Gruppen gemeinsam gehen könnten, wenn es ihnen mit dem Kampf gegen die nun schon viele Jahre währende Beschäftigungskrise wirklich ernst ist. Den Beteiligten jedenfalls war es ernst. Für einige von ihnen gehörte eine gehörige Portion Zivilcourage dazu, ihren Namen unter das nach langem Ringen einvernehmlich formulierte Papier zu setzen. Michael Jungblut