Die Nordische Universität setzt neue Akzente in der Hochschul-Ausbildung

Von Dorothea Hilgenberg

Die kleine Stadt an der Schwale konnte ihr Glück kaum fassen, und dem Oberbürgermeister fielen nur noch Vergleiche mit ganz großer deutscher Geschichte ein. „Was der 18. Januar 1871 durch die Kaiserkrönung Wilhelms I. für die Deutschen, könnte der 18. Januar 1985 einmal für die Neumünsteraner werden: Der Aufbruch in eine neue Zeit.“ Was monatelang „mit größter Geheimstufe unter der Decke gehalten wurde“ (Holsteinischer Courier), ließ bei Bekanntgabe des Ereignisses die Herzen überquellen. Neumünster und Flensburg wurden Sitz der Nordischen Universität, der nach der vor ein paar Jahren eröffneten Universität von Witten/Herdecke zweiten Hochschule „in freier Trägerschaft“.

Wo eher Abwanderung und Auszehrung das Bild bestimmen, war die Freude über den unorthodoxen Zuwanderer besonders groß. Man gab an Zuschüssen, was die öffentlichen Hände derzeit geben können, und beschaffte Gebäude und Grundstücke, deren Mieten nicht gleich sämtliche Spenden und Mitgliedsbeiträge des Vereins auffressen würden. Obwohl der erste Student erst in einem Jahr seinen Fuß in die neue Hochschule setzen wird, ist sie bereits zum Begriff in der an Sensationen nicht gerade reichsten Ecke der Bundesrepublik geworden.

Es ist kein Zufall, daß die Kieler Landesregierung und die beiden Kommunen auf das neue, dank des Wittener Erfolgs wohlreputierte Universitätsmodell setzen: Man hofft auf Impulse für das strukturschwache Schleswig-Holstein. Wissenschaft und Wirtschaft sollen durch die Gründung von Flensburg und Neumünster zu neuem Leben erweckt werden.

„Wir sind ein Wirtschaftsförderungsfaktor ersten Ranges“, glaubt auch Vorstands- und Präsidiumsmitglied des Trägervereins, Knut von Oertzen. Der gelernte Landwirt, der früher einmal Marketingexperte eines Pharmaunternehmens war, bevor er auf den Wittener Universitätsgründer Konrad Schily stieß, kündigt denn auch an, daß „wir in der Wissenschaft völlig neue Wege gehen werden“. Vor allem da, wo „besonders viel im argen liegt“, im Agrar- und Ökobereich. In Flensburg werden zunächst Agrarwissenschaften und die zugehörigen Nebenfächer (Boden, Wasser, Luft) sowie Biologie und Wirtschaftswissenschaften gelehrt, in Neumünster die Medizintechnik als Schwerpunkt der Elektrotechnik. Sie wird um Mathematik und Physik erweitert.

Witten/Herdecke soll nicht zum Über-Ich der Neugründung werden, deswegen wird keine Gelegenheit versäumt, den eigenen Charakter der Neugründung zu betonen. Vielleicht kann man ja auch einiges besser machen. Auf jeden Fall will man sich in „positive Konkurrenz“ zur Schwestereinrichtung an der Ruhr begeben.

„Kristallisationspunkt“ ist, wie es in Witten die Medizin war, das Gebiet, „mit dem wir am meisten in der Sackgasse stecken, der Agrar- und Ökobereich“, sagt Geschäftführer Theodor Fleitmann. Da die ökonomischen Aspekte für den Landwirt eine genauso wichtige Rolle spielen, hat man die Wirtschaftswissenschaften gleich hinzugenommen.

Praxis und noch malPraxis, heißt das Motto, das sich von den berufsbezogenen Praktika bis zur Zusammensetzung der Gremien spiegelt. Im Kuratorium etwa werden erfahrene Persönlichkeiten „von draußen“ sitzen, die nicht nur mitreden, sondern auch mitarbeiten sollen. Und auch Verständnis für andere Kulturen will man wecken. Vor allem zu den in der Landwirtschaft besonders erfahrenen Skandinaviern wird die aus dem Grund Nordisch getaufte Universität enge Kontakte knüpfen.

Auch wenn daran gedacht wird, das Angebot um weitere Studiengänge zu ergänzen, soll die Hochschule klein bleiben. Mehr als zweitausend Immatrikulierte wird sie auch in zehn Jahren, wenn ihr Aufbau beendet sein soll, nicht haben (zum Vergleich: die größten deutschen Hochschulen haben derzeit etwa 50 000 Studenten). Mit höchstens zwanzig Bewerbern pro Fach wird der Studienbetrieb eröffnet. Allerdings wird es sich bei ihnen nicht um Anfänger, sondern um bereits Diplomierte handeln, die hier ihre Doktorarbeit schreiben wollen. Der Einfachheit halber und weil man so schnell wie möglich durch eigene Forschung Akzente setzen will, „isteigen wir oben ein“ (von Oertzen).

Das reguläre Studium wird später folgen und wieder zusammenführen, was in der Vergangenheit immer weiter auseinandergedriftet ist – allgemeine und spezielle Bildung. Im gemeinsamen Studium fundamentale werden alle Studenten Philosophie und Geschichte hören und sich in mindestens zwei Fremdsprachen üben, um ihren persönlichen Horizont zu erweitern und fächerübergreifend denken zu lernen. Urteilsfähigkeit und Verantwortungsbewußtsein sollen gestärkt, die Phantasie beflügelt werden und dabei helfen, auch vertrackte Probleme zu lösen.

Das können die herkömmlichen Universitäten, die „kameralistisch verwalteten Riesenunternehmen“, nicht bieten. „Der besondere Geist und die Sozialverpflichtung“, sagt Konrad Schily, „zeichnen das Modell gegenüber den staatlichen Hochschulen aus.“ Schily, der bis zur Anerkennung der Nordischen Universität im Vorstand ihres Trägervereins war, hat Witten/Herdecke erst nach jahrelangem Ringen mit der in Nordrhein-Westfalen regierenden SPD und den Gewerkschaften durchgeboxt. „Finden wir schön, was ihr da machen wollt“, haben die ihm gesagt, „nur müßte es staatlich organisiert sein.“ Der Staat ist aber in den Augen Schilys außerstande, etwas Vergleichbares zu schaffen. „Man kann nicht amtlich festhalten, was Wissenschaft ist. Es ist das Planwirtschaftliche, was nicht läuft.“

Auch die SPD im CDU-regierten Schleswig-Holstein räumte ein, daß mit der Nordischen Universität Teile der Studienreform verwirklicht werden, an der die großen Universitäten gescheitert sind, öffentliche Aufgaben gehörten in öffentliche, will sagen: staatliche Hände, meint zwar der hochschulpolitische Sprecher der SPD im Kieler Landtag Joachim Lonmann, doch ansonsten fand er die Ziele der zweiten Universität in freier Trägerschaft in bester Übereinstimmung mit denen der SPD. Mit sonstigen privaten Hochschulen sei die neue Einrichtung nicht vergleichbar.

Ist sie keineswegs: Die private Hochschule für Unternehmensführung in Koblenz und die geplante, aber noch immer nicht bewilligte medizinische Hochschule in Ingolstadt operieren mit gigantischen Studiengebühren, ohne daß eine überzeugende Alternative zur herkömmlichen Universitätsausbildung erkennbar wäre. Witten/Herdecke und Flensburg/Neumünster, die beide kein Geld von den Studenten nehmen, haben sich für die private Finanzierung entschieden, um ihre Ziele verwirklichen zu können. Mit der Bezeichnung privat geht man vorsichtig um, lieber spricht man von einer „nichtstaatlichen“ Einrichtung oder von der „Hochschule in freier Trägerschaft Die Finanzquellen sind Spenden, Auftragsforschung und Beratung durch geplante Tochterfirmen der Universität. Auch die Professoren, die sich hier beteiligen, dürfen nichts in die eigene Tasche wirtschaften. Nutznießer ist allein die Hochschule.

Noch halten sich die Kosten in Grenzen. In diesem vorlesungsfreien Jahr betragen die Ausga-

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ben dank mietfreier Unterbringung etwa 500 000 Mark. Nach Aufnahme des Lehrbetriebs rechnet man dann schon mit vier bis fünf Millionen Mark.

„Wer Felexibilität sucht, geht in die Privatheit“, meint der Geschäftsführer der Nordischen Universität Theodor Fleitmann, auch wenn diese Flexibilität ohne den stetig fließenden Geldstrom teuer erkauft sei. Doch die Chance, auf diese Weise aus starren Mustern ausbrechen zu können, reizt anscheinend noch mehr, „ist für viele das Motiv, sich für uns zu interessieren“.

  • Wissenschaftler der unterschiedlichsten Fachrichtungen haben bereits angeklopft, viele gute Nachwuchsforscher mit und ohne Stelle, aber auch Professoren, für die die Aussicht, in einem kleinen überschaubaren Rahmen zu arbeiten, mehr als eine Überlegung wert ist, die gesicherte Beamtenposition zu vergessen. Qualität soll zwar entsprechend dotiert werden, wer aber Professor in Flensburg oder Neumünster werden will, muß auf seine beamtete Stelle an einer staatlichen Hochschule verzichten. Theodor Fleitmann, der in einem zweihundert Jahre alten Flensburger Speicher die Geschäfte der Universität führt, ist sicher: „Wer zu uns kommt, meint es wirklich.“

Akademie als ‚,Brain Trust“

Das Echo, das bereits das aus dem anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus heraus entwickelte Modell von Witten/Herdecke fand, wäre sicher nicht so groß gewesen, wären die akademischen Großbetriebe des Staates nicht so offensichtlich in ihre Probleme verstrickt. Stichpunkte gibt es viele: Die bombastischen Studentenzahlen, die aufgeblähten Bürokratien, die Etats bis in Milliardenhöhe verwalten, aber kaum noch nach dem Aufwand-Effekt-Verhältnis zu fragen wagen. Die endlosen, aber nicht fachbezogenen Diskussionen in den Akademischen Senaten. Die Machtkämpfe hochschulpolitischer Seilschaften, die sich gegenseitig blockieren oder, etwa bei Berufungen, faule Kompromisse schließen und damit herausragende Personalentscheidungen – früher der Ehrgeiz jeder Universität – verhindern.

Auch die Nordische Universität wird ein Gremium haben, das sich Akademie nennt, auch Fakultäten und Dekane, aber in diese „Worthülsen werden andere Inhalte gestopft“. Die Akademie ist als eine Art „Brain Trust“ gedacht, in der Hochschulmitglieder und Externe über wissenschaftliche Fragen debattieren. Eine Arbeitsgruppe aus 26 Leuten unterschiedlicher Professionen und Länder bereitet derzeit das Curriculum für den Agrarbereich vor. Das Spektrum reicht vom biologisch-dynamischen Landwirt über den Physiker, Bankier und Gutsverwalter bis zum Veterinär. Im Technikzentrum von Neumünster, das im ehemaligen Gebäude einer Elektrofirma untergebracht ist und ebenfalls von einem „alten Wittener“, Werner Kreysch, geleitet wird, hält die Universitäts-GmbH Hermed Schulungskurse für Techniker und Pfleger ab. Die Beratungsfirma wurde in Witten gegründet und ist in den Norden verlegt worden, weil hier ihre meisten Kunden sitzen. Für neue Ideen hält man sich offen. Knut von Oertzen hat noch einige Vorschläge, über die man intensiver nachdenken will, zum Beispiel diesen: Die Wirtschaftswissenschaftler der Universität steigen gleichzeitig in den Technologiepark ein, den die Landesregierung der Stadt Lübeck zum Jubiläum geschenkt hat. Oder: Man kooperiert, etwa in der Informatik, mit der Fachhochschule, die in der Nähe des in Flensburg-Sünderup geplanten Vorlesungsgebäudes ihren Sitz hat, und gründet sogar gemeinsam eine GmbH. Das malerische Gelände außerhalb der Stadt wird auch für die Pflanzenzucht genutzt. Daß der Boden dort nicht besonders fruchtbar ist, versteht man als Herausforderung: „Das ist ja gerade das Neue und Interessante.“ Auch auf salzigem Grund soll experimentiert werden.

Was sind das für Studenten, mit denen man es zu tun haben will? Eine Elite? Gewiß, aber eine, die sich diesen Titel verdient haben muß. Keine „Herkunfts- und Geldelite“, wie die Alternative Liste Neumünster beruhigt feststellt. Gesucht werden kreative, sozialisationsfähige Studenten mit Verantwortungsbewußtsein und Sinn für das Allgemeinwohl. Die Phantasie haben, praktisch geschult sind und „fundamentale Fragen stellen“ (von Oertzen).

„Keine Fixierung auf die Note“ wird es geben, dafür aber gefragt: „Was haben die Bewerber noch gemacht?“ Eine Lehre, ein Auslandsaufenthalt, Sprachkenntnisse wiegen höher als Paukwissen. Nach der ersten Grobauswahl werden die Studenten im persönlichen Gespräch ausgesucht. Das Problem der Aussuchenden: „Diese Fähigkeiten zu entdecken.“ Doch auf dem freien Markt wird nur das Besondere überleben. Da macht sich von Oertzen keine Illusionen: „Wir müssen ein Markenartikel werden, sonst wird keiner hier studieren und uns keiner finanzieren.“ Noch aber plagt das norddeutsche Gründerteam keine Zweifel: „Wir werden eine wunderschöne Universität herlegen, und damit sind wir bis zum Ende des Lebens beschäftigt.“