Erst ist es höchstens ein Skandälchen. Ein Windzug. Da soll was faul sein. Genaues weiß man nicht. Dann kriegen die Medien Wind davon. Bohren nach. Stecken überall ihre Nasen hinein. Werden fündig. Ein dicker Hund. Ein richtiger Hammer. Der Skandal ist da, zieht Kreise, ist nicht mehr zu stoppen. Stinkt schon förmlich zum Himmel. Langsam, aber unaufhaltsam rückt er in die Schlagzeilen. Selbst in seriösen Blättern taucht er auf Seite Eins auf. Die Magazine bereiten Titelstories vor. Das Fernsehen steigt groß ein. Der bisherige Skandal, an dem niemand mehr so recht Freude hatte, muß dem neuen Skandal weichen. Einige darin Involvierte atmen auf.

Die Öffentlichkeit wird hellwach. Überall, in den Büros, Kantinen, an den Stammtischen ist der Skandal Thema Nr. Eins. Vorwürfe werden laut, Beschuldigungen erhoben. Fragen gestellt, wie konnte es dazu und soweit kommen? Vorsorglich waschen einige ihre Hände in waschen Die Suche nach den Verantwortlichen beginnt. Unnachsichtig will man sie zur Rechenschaft ziehen; So viel steht jedenfalls schon fest: Schaden ist unabsehbar, auch für den Fremdenverkehr.

Schon werden Namen genannt. Die setzen sich erbittert zur Wehr. Erstens hatten sie immer gewarnt, zweitens haben sie davon nichts gewußt und drittens waren sie dafür gar nicht zuständig. Der Ruf nach Einsetzung eines Untersuchungsausschusses wird laut. Man warnt: Die Sache darf nicht parteipolitisch ausgeschlachtet werden. Dreck am Stecken in dieser Sache haben sie alle. Darum ist das jetzt die Stunde der Gemeinsamkeit aller Demokraten.

Außerdem werde der Fall viel zu sehr aufgebauscht. Man sollte sich vor Pauschalurteilen hüten. Schwarze Schafe findet man überall. Hinter der ganzen Kampagne stecken durchsichtige Interessen. Da wollen gewisse Herrschaften ihr eigenes Süppchen kochen.

Der Skandal steuert seinem Zenit zu. Die Opposition will Köpfe rollen sehen. Die kopflose Regierung mauert. Nichts unter dem Druck der Straße! Die aufgescheuchte Öffentlichkeit muß irgendwie beschwichtigt werden. Das Gemeinwohl ist in Gefahr. Was soll unsere Jugend davon halten? Sind wir schon wieder in Weimar? Jedenfalls sind wir keine Bananenrepublik, oder doch? Jetzt ist Führung gefordert. Die Führung zeigt Entschlossenheit, wird aktiv, hat die Lage fest im Griff. Die Gefahr ist beseitigt. So was darf und wird nie wieder vorkommen.

Die Öffentlichkeit, der Sache schon etwas überdrüssig, beruhigt sich. Der Skandal verkrümelt sich aus den Schlagzeilen. Kein Skandal? Ein Skandal. Dann, zur allgemeinen Erleichterung, eines Morgens: ein neuer Skandal. Wir sind gerettet!