Von Fritz J. Raddatz

Er war, was zu sein er haßte: das Gewissen der Nation; einen "mörderischen Terminus" nannte er das. Zugleich sagte er von sich: "Ich bilde mir ein, noch nicht ‚erkannt‘ worden zu sein; immer unter-, gelegentlich auch überschätzt."

Wie paßt das zusammen? Oder, andersherum gefragt: Liegt in diesem Widerspruch vielleicht das Geheimnis des Heinrich Böll? Denn ein Geheimnis hatte er, es war der Nährquell seiner Autorität. In diesem Moment des Schocks, da der Siebenundsechzigjährige viel zu früh starb, darf das wohl gesagt werden: Sein Geheimnis war die Liebe.

Heinrich Böll liebte die Menschen. Ob in seinen unvergleichlichen Prosa-Miniaturen wie "Nicht nur zur Weihnachtszeit", ob in den Figuren der großen Romane – Adam und Leni, Schnier der Clown und Hedwig aus dem "Brot der frühen Jahre" – oder ob in dem skandalösesten seiner Pamphlete Ulrike Meinhof: Unter allem, was Böll je schrieb, lag eine Gebärde der Zärtlichkeit. Sogar in seinem Haß; denn wie jeder gute Christ wußte Böll auch zu hassen, noch im milder gewordenen Alter – von einem, der gequakt und geplanscht, der Meinungsmulm aufgewirbelt und Mediengrütze verspritzt habe, geht gleich im ersten Absatz seiner Anti-Boenisch-Streitschrift die Rede. Noch dieser "Haß" galt ja dem fehlgegangenen Menschen; auch dem noch galt nie Hochmut oder Häme, eher Mitleid. Es ist jene Haltung, die wir bei dem anderen großen Materialisten der deutschen Literatur mit der bittenden Geste kennen. Bei Bertolt Brecht.

Das klingt wie ein abenteuerlich herbeigezerrter Vergleich – und war doch von Böll tiefernst akzeptiert. In einem seiner letzten großen Briefe schrieb er:

"Ich gestehe, daß ich das meiste, was über mich zu hören, zu sehen, zu lesen war, nicht wahrgenommen habe – aus einem einfachen Grund: Ich will mich nicht so intensiv mit mir selbst beschäftigen, will nicht so ganz in die Krankheit verfallen, an der unsere Zeit wirklich krankt – die Egomanie. So viel Ruhm und Ruch dazu – da kann man leicht überschnappen ... Sie haben schon recht mit dem ,Materialisten‘ – nur muß man dann definieren, was man unter Materie versteht: Sprache ist Material, auch der, den man Gott nennt, ist materiell geworden, nämlich Mensch. Gewiß gibt es mehr Ähnlichkeiten mit Brecht, als manche Brechtomanen ahnen oder erkennen können, nur bin ich kein Bourgeois, auch nicht bürgerlicher Herkunft – sondern eben dieses Gemisch aus Proletariat, Bohème und verstörtem Kleinbürgertum. Material ist auch die Hostie, ist der Wein, was zwischen Liebenden ausgetauscht wird, ist Material...

Ich bin müde, mein Lieber, krank, matt, erledige nur mühsam die laufenden Arbeiten. Jedes Aufstehen am Morgen fällt mir schwer, aber ich tu’s dann doch: Ich stehe wirklich auf, und vergessen Sie nicht: daß ich, wann und durch wen weiß ich nicht einmal, metaphysisch geimpft bin. Brecht hätte das verstanden. In Moskau sagte mir einmal einer der vielen klugen Russen (der noch da ist) – Brecht wäre der letzte katholische, ich vielleicht der erste proletarische Schriftsteller. Da ist was dran. Hierzulande werden Moral, Ästhetik, Politik immer noch zu sehr getrennt."