Wenige Schritte sind es vom Kriegerdenkmal zur Kirche, die heute fast immer geschlossen ist. Einen Pfarrer gibt es nicht mehr hier in Mosset, einem kleinen Ort in den französischen Pyrenäen, ebensowenig wie in den meisten Dörfern rundherum. Vermauert sind die Fenster des Kirchturms, aus dessen oberstem Mauerwerk eine krüppelige Kiefer wächst, die sich zäh am Leben hält.

Während des Krieges las hier noch ein spanischer Priester die Messe. Am Tag, als die Amerikaner ins Dorf einzogen, hatte er sich im Kirchturm versteckt. Aber die Männer des Dorfes fanden ihn, brachten ihn in den Wald und hängten ihn auf. Er hatte Leute aus dem Dorf an die Gestapo in Perpignan verraten – für ein Kilo Kaffee.

Einer von denen, die damals in die Hände der Gestapo gerieten, war Karl Pitt Krüger, ein Deutscher. Er lebt, nun 81 Jahre alt, wieder in jenem Haus, vor dem er 1944 verhaftet wurde. Dieses Haus, das zu einem Bauernhof gehört, liegt etwas außerhalb von Mosset. Heute ist es eine Schule – allerdings keine im herkömmlichen Sinn.

Pitt Krügers Geschichte begann 1904 in Köln. Krüger war ein Arbeiterkind, was bedeutete, daß er in der Schule hinten sitzen mußte: Die vorderen Reihen blieben den Bürgersöhnen vorbehalten. Doch Pitt Krüger robbte sich nach vorne. Er bestand die Prüfung fürs Gymnasium und fand besonderen Gefallen an der französischen Sprache. Mit vierzehn Jahren sprach er sie bereits so gut, daß er nach dem Kriegsende 1919 für französische Lastwagenfahrer, die sich vor dem Kölner Dom trafen, dolmetschte und sich so sein Taschengeld verdiente.

Pitt Krüger wurde Lehrer. Früh bereits trat er als Pazifist und Sozialist den Nazis mit Zeitungsartikeln entgegen. „Turnspiel oder Kasernendrill“ hieß einer seiner Artikel, in dem er den militärischen Drill eines nationalsozialistischen Kollegen aufs Korn nahm. In mehreren Funktionen arbeitete Krüger bei den Sozialdemokraten mit: Er leitete die Kulturarbeit der Arbeiterjugend, einen Gesangverein, spielte Theater, war Schriftführer und Delegierter des sozialdemokratischen Lehrerbundes.

Den Nazis war er verhaßt. Am 16. März 1933 riefen sie ihn aus dem Unterricht heraus auf die Straße. Seide Wohnung – er lebte mittlerweile in Potsdam – mußte er verlassen. Er versteckte sich den ganzen Sommer über mit Frau und zweijähriger Tochter in einem Zelt in den Havelwäldern, bis er schließlich nach Frankreich emigrierte. Mit Unterstützung der Quäker kaufte er in den Pyrenäen, unweit der spanischen Grenze, einen alten, verlassenen Bauernhof. Er sollte als Heimstatt für Flüchtlinge dienen, die von den Nazis vertrieben wurden. Hier sollte mit Selbstversorgermethoden das Ende der Nazis abgewartet werden.

Das Ende des spanischen Bürgerkrieges gab dem Leben auf „La Coume“, so hieß Krügers Anlesen, eine Wende. Innerhalb von drei Tagen und Nächten schleppten sich mehr als 50 000 Flüchtlinge durch Mosset in die Lager um Perpignan. Das Departement hatte damals nur 280 000 Einwohner – und mußte mehr als 300 000 Menschen aufnehmen, die vor den Truppen Francos flohen.