Hörenswert

"Bet’ und arbeite! ruft die Welt" – jedoch, empfiehlt der Dichter Georg Herwegh 1863, "bete kurz, denn Zeit ist Geld, an die Türe pocht die Not, bete kurz! denn Zeit ist Brot." Und in der zwölften Strophe fordert er: "Brecht das Doppeljoch entzwei! Brecht die Not der Sklaverei! Brecht die Sklaverei der Not! Brot ist Freiheit, Freiheit Brot." Das ist lange her, es sollte nicht ganz vergessen werden: Es sind alte Wahrheiten. Gerade jetzt an sie zu erinnern, war eine gute Idee: als klingende Ergänzung zur Augsburger Ausstellung "Aufbruch ins Industriezeitalter", die noch bis zum 28. Juli besichtigt werden kann. Wer diese Arbeiterlieder des 19. Jahrhunderts, wie sie in Bayern (und anderswo) gesungen wurden, noch nicht kannte, wird nun etwas von der Kraft, der Leidenschaft der Befreiungsbewegung zu ahnen beginnen, nicht zuletzt in den packenden Melodien, deren Popularität sich die Arbeitersänger geschickt zunutze gemacht hatten. Sie nahmen sie sich, wo sie sie fanden, wenn sie nur zündeten: die Marseillaise darunter ("Auf, Freunde, laßt das Lied erklingen, das Frühlingslied der neuen Zeit"), auch "Die Wacht am Rhein" ("Arbeiterinnen aufgewacht .. !) und "Heil dir im Siegerkranz" ("Brause, du Freiheitsdrang"). In den Texten blühen die Sehnsuchtsmetaphern: der Frühling ist Aufbruch, das Licht ist Freiheit, die Nacht Elend und Unterdrückung. "Empor zum Licht", dichtete Emanuel Wurm 1900: "Arbeiterinnen", forderte ein unbekannter Dichter, "erwacht aus dunkler Geistesnacht und steigt empor zum hellen Licht!", und Max Kegel ermunterte die Sozialisten 1891: "Der Erde Glück, der Sonne Pracht, des Geistes Licht, des Wissens Macht, dem ganzen Volke sei’s gegeben!" Das Augsburger Vokalensemble, 1976 von ehemaligen Regensburger Domspatzen gegründet, hält sich unter seinem Dirigenten Christian Ridil an historische Gewohnheiten: an Einfachheit und trockenes Pathos. Er hört sich gut an. (CLG 30 809, Calig-Verlag, München 19) Manfred Sack