Von Ulla Plog

Manchmal hat sie sich schon überlegt, ob sie es ihrer Schwester sagen sollte, wenigstens ihr. Aber als die sich neulich am Tag nach der Fernsehsendung ungefragt und heftig über „solche Frauen“ empörte, da war Angelika S. doch froh über ihr Schweigen. Wie hätte sie ihr erklären können, daß nicht Leute von der anderen Seite des Mondes, sondern ausgerechnet sie so unbegreiflich, so monströs gehandelt hatte. Die Frauen, um die es ging, hatten ihr Kind zur Adoption freigegeben. Frau S. gehört zu ihnen.

Sie ist eine schmale junge Frau von 25 Jahren. Das Doppelleben, das ihr jetzt dauernde Kontrolle abverlangt, begann vor gut drei Jahren. Da arbeitete sie bei einem Schiffsausrüster und probte, gerade mit Krach zu Hause ausgezogen, „ganz sprunghaft das erste Alleinleben“. Als sie bemerkte, daß sie schwanger war, war die flüchtige Beziehung zu ihrem holländischen Freund schon zu Ende. Sie zog sich weitere Kleider an, und in der Wohngemeinschaft sagte höchstens mal jemand: „Du mußt wohl ein bißchen weniger essen.“ In Wahrheit aber begann das Leben mit der Heimlichkeit, das sich bis heute fortsetzt „als Angst, die Freunde zu verlieren, wenn sie es erfahren“.

Abtreibung kam für sie nicht in Frage. Sie habe unbewußt, sagt sie, „schon auch ein Zuhause gesucht, irgendeine Zugehörigkeit“. Nur, wie sollte das gehen: jung, wie sie war, mit wenig Geld und ohne die Hilfe der grollenden Eltern? Der erste Mensch, mit dem sie schließlich darüber sprach, saß hinterm Schreibtisch des Jugendamtes. Mit dem Satz „Machen Sie sich man keine Sorgen, da stehen die Adoptiveltern Schlange“ setzte er dem schwebenden Gefühlszustand ein Ende. „Er hat die Angst bei mir verstärkt, daß es nicht geht“, sagt Frau S.

Plötzlich jedenfalls schien die Lösung geradezu auf der Hand zu liegen. Es würde das Beste für das Kind sein und für die Mutter schon insofern gut, als dann alles bald vorbei sein würde. Daß es anders kommen sollte, ahnte Frau S. schon in den paar Tagen in der Klinik. Wohl um sie umzustimmen, sagte die Hebamme, ganz gegen die Absprache, gleich nach der Geburt: „Wollen Sie es nicht im Arm halten?“ Und während sie den Jungen wegbrachten, hörte sie die Schwestern entzückt ausrufen: „Ist der süß, ist der niedlich!“ Weil kein anderes Bett frei war, wurde sie auf der Station der glücklichen Mütter untergebracht. Die fragten im Aufenthaltsraum „Stillen Sie ihr Kind gar nicht?“ oder „Wo ist es denn?“

„Es war reiner Horror“, sagt Angelika S. Sie hat dann noch versucht, ein Photo von ihm zu bekommen und keins gekriegt, sondern die Antwort, das solle sie sich doch nicht antun. „Daß die wissen, was für einen gut ist“, empfindet sie bis heute als schreckliche Anmaßung, Sie möchte wissen, wie er ausschaut, sie möchte sehen, ob er ihrem zweiten Kind ähnlich ist. Denn anders als viele Frauen in ihrer Lage hat Angelika S. Ordnung in ihr Leben bringen können. Sie fühlte sich aufgehoben in ihrer neuen Verbindung mit dem Kind und dem Freund, der zu ihrer Geschichte sagte: „Wieso hast du’s mir nie erzählt?“ Obwohl unverheiratet, kann sie jetzt den Eltern einen Vater präsentieren. Seit dies alles gut geht, fragt sie sich, ob sie damals nicht leichtfertig gehandelt hat und viel zu schnell. Hätte es nicht doch eine andere Möglichkeit gegeben? Geblieben sind die Depressionen, die schleichenden Vorwürfe, die Schuldgefühle. „Das Kind“, sagt Frau S., „das ist immer da. Jedes weitere wird eine Schwester oder ein Bruder des weggegebenen sein. Plötzlich denke ich, die könnten jetzt zusammen um den Tisch laufen. Es lebt – das ist der Unterschied zur Abtreibung.“

Sie hat das alles nicht gewußt. Wie sollte sie? Drei Parteien sind jeweils an der Adoption beteiligt: das Kind, die Adoptiveltern und die dritte, die dunkle Seite – die abgebenden Mütter, wie es so schön heißt im Zungenschlag der Ämter. Die melden sich nicht zu Wort, die sagen anderen nichts davon, manchmal zehn, manchmal zwanzig Jahre lang. Sie reden nicht darüber, auch nicht miteinander, denn sie sind ja keine einheitliche Gruppe. Frauen, die ein Neugeborenes zur Adoption freigeben, sind oft in einer Lage, in der das Kind nicht bleiben kann, weil sie in Scheidung leben zum Beispiel, weil der Freund sagt „Das Kind oder ich“ oder weil der Mann gegangen ist, mit dem sie gerade, auch durch das Kind, etwas Gemeinsames aufbauen wollten.