Von Manfred Sack

Die "Heinävesi" ist exakt das, was der Prospekt einen "alten romantischen Dampfer" nennt. Durch die offene Luke erkennt man den Maschinisten mit der Ölkanne in der Hand und einem Lappen sowie den Gegenstand seiner Pflege, den er sicherlich seine Geliebte nennt. Wir durchpflügen den Saimaa-See, besser: das Saimaa-Seengebiet im finnischen Osten. An Bord ist der Klub einer Maschinenfabrik auf Wochenendtour. Er hüllt den Fremden alsbald mit Erklärungen über Land und Leute ein: Länge der felsigen Ufer (50 000 oder mehr Kilometer), Zahl der Inseln (33 000 oder mehr). Dann und wann aber zieht ein großer kinnbärtiger Engländer die Aufmerksamkeit auf sich, weil er, wenn es ihn hinaus an die Reling zieht, Gesangstöne von sich gibt, so, als habe er Not, das aus der Brust in die Kehle drängende wilde Melodietier zurückzuhalten. Wahrscheinlich macht es ihm Lust zu zeigen, was in ihm steckt: ein Sänger. Hat ihn nicht der Kapitän persönlich begrüßt? Mister McIntyre, der "Holländer" von übermorgen? Keine Frage: Es ist was los in Savonlinna. In Savonlinna sind Opernfestspiele.

So weit zu gehen, daß die Stadt nur so summe von Opern und Symphonien, so wie Salzburg, wäre übertrieben. Es gibt unter den 28 000 Einwohnern der ostfinnischen, näher bei Leningrad als bei Helsinki liegenden Industrie- und Handelsstadt Leute, die selbst nach beinah zwanzig Festspielsommern noch nie etwas von Festspielen gehört, geschweige denn bemerkt haben. Sommers sind halt immer viele Fremde da in diesem touristischen Zentralort. So fehlen in den Schaufenstern auch die Salzburger Kauf-Animateure: kein Matti Salminen zwischen Pasten und Pillen, keine Catalina Ligendza neben Würsten und Maränen, kein Talvela und kein Everding von Dessous umwölkt. Die Leute von Savonlinna, erzählte eine Bürgerin aus dem Ort, seien noch nie Kulturgenießer gewesen. Sie gingen brav zur Arbeit, brav nach Hause; selbst im Kino, sagte sie, sehe sie nur immer dieselben paar Gesichter. Savonlinna ist eine Provinzstadt, die wohl nur zufällig einen Flughafen hat – weil sie, nicht so zufällig, Festspiele hat.

Nach Finnland in die Oper? Nein, nach Savonlinna! In Helsinki, nicht wahr, machen sie in ihrem hübschen alten Opernhaus Opern wie allzumal und überall. In Savonlinna aber, gut dreihundert Kilometer nordöstlich, inszenieren sie die raffinierte Mischung aus Urlaub und Kulturarbeit, Musik und Müßiggang, Kunst und Natur.

Wenn das Flugzeug nach eben einer halben Stunde von Helsinki hinabschwebt, glaubt man an dieses Konzept: Seen über Seen, die zu einem unendlichen See ineinanderfließen, und Inseln darin, die wie bewaldete Luftblasen aufeinander zutreiben und sich vereinen wollen. Die Gewässer des Saimaa, las ich, hätten hier "Mehr als in jeder anderen Gegend des Seengebietes die Landschaft zersprengt weshalb sie fast zur Hälfte aus Wasser bestehe, aus immer noch reinem, klarem, an Fischen reichem Wasser. Und mitten in dieser Eiszeitlandschaft liegt, plötzlich, Savonlinna, als hätte es der liebe Gott, ein wenig zerstreut, auf vier, fünf Inseln und Halbinseln zwischen anderen Inseln und Halbinseln und kurvenreichen Buchten mit felsigen Ufern und immer noch gesunden Wäldern fallen lassen: Es ist ein Blick wie ins Bilderbuch.

Natürlich hat dieser Ort, kaum hatten hier Menschen Fuß gefaßt und wer weiß, wieso, die strategische Bedeutung einer felsigen Insel auf einem schwerlich zu deutenden Wasserweg erkannt, eine Burg bekommen. Bauherr war der Wiborger Herrscher Erik Axelsson Tott. Inzwischen ist der mächtige Bau mit den drei dicken Türmen fünfhundert Jahre alt: die älteste, am besten erhabene Burg weit und breit. Denn das war klar, daß der Denkmalschutz sie sich bald vornahm. Er hat sie beherzt und mit sicherem Geschmack modernisiert. Aber wirklich entdeckt wurde sie nicht für den Tourismus, sondern für die Musik.

Es war der Einfall einer finnischen Primadonna, der Sopranistin Aino Ackte, die ihre großen Erfolge in Paris, London und New York hatte. 1907, längst weltberühmt, folgte sie dem Verband der Jungfinnen und sang in einem Konzert auf Olavinlinna (Olafs Burg) in Savonlinna (Savon-Stadt). Sie erinnerte sich später so daran: "Während die Sonne allmählich unterging, erhielt die Natur, wie man sie durch die Maueröffnungen erblickte, einen übernatürlichen Glanz. Es war ein Anblick, den ich nicht vergessen konnte. So erwachte in mir der Gedanke, dieser Anblick müsse der ganzen Welt gezeigt werden."