Von Gunhild Freese

Die Tagesordnung war nur kurz, die der geschäftsführende Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes an diesem Montag zu erledigen hatte. Unter Vorsitz von DGB-Chef Ernst Breit hakten die Vorstandsmitglieder vor allem Routinepunkte ab, denn von Mittag an war ein Treffen mit dem Hauptvorstand der Eisenbahnergewerkschaft angesagt, und da ging es um Verkehrspolitik.

So blieb ein Thema offen, das derzeit viele Gewerkschaftsmitglieder bewegt, das für ihre Bosse indes eher peinlich ist. Es geht um ein gewerkschaftseigenes Unternehmen, den Frankfurter Einzelhandelskonzern co op. Das ängstliche Aussparen des heiklen Themas – die Neue Heimat läßt grüßen – hilft den Gewerkschaftsbossen freilich nur wenig: So schnell wird die co op nicht aus dem Gerede kommen, und die Rolle, die einzelne DGB-Gewerkschaften dabei gespielt haben, wäre noch zu untersuchen.

Der Fall Sarstedt: Die Frankfurter co op-Zentrale plante für ihre Niederlassung Niedersachsen, in Sarstedt bei Hildesheim, ein neues Zentrallager. Beauftragt wurde damit die Grundstücksverwaltungsfirma von Herbert Unger, einem früheren co op-Mitarbeiter, der die Investitionen durch geschlossene Immobilienfonds – durchaus branchenüblich – finanzierte. Um dem Pilotprojekt Sarstedt einen glücklichen Start zu verschaffen, im Jahre 1982 ächzte die Wirtschaft unter hohen Zinsen, engagierte sich nahezu geschlossen der damalige Vorstand der co op AG: darunter Finanzvorstand Werner Casper mit zunächst 40 000 Mark, die er später auf 180 000 Mark aufstockte, und Vorstandschef Bernd Otto, der seinen Einsatz von 200 000 auf 300 000 Mark erhöhte. Diese Investitionsfinanzierung, die später noch in 17 weiteren Lagern, Verwaltungsgebäuden und Großmärkten durchgeführt würde, brachte den insgesamt 660 Kommanditisten nicht nur die – risikolose – marktübliche Verzinsung, sondern dem Mieter, der co op, auch noch günstige Mietkonditionen.

Problematisch mußte es erst für das gewerkschaftseigene Handelsunternehmen werden, als bei der co op-Niederlassung Nord in Hamburg in diesem Jahr Arbeitsplätze zur Disposition standen und Mitarbeiter von Hamburg nach Sarstedt versetzt werden sollten. Erst zu diesem Zeitpunkt fiel den co op-Kollegen das Engagement ihrer Bosse in Sarstedt auf. Und damit kam ihnen der Verdacht, daß den Herren Vorständen das Wohl der eigenen Privatschatulle näher am Herzen lag als das Wohl ihrer Mitarbeiter. Es stellte sich zudem die Frage, welche Rolle ihr ehemaliger Betriebsratsvorsitzender und ihre Gewerkschaft bei der Kombination von dienstlichen und privaten Geschäften gespielt haben mögen.

Ende 1981 war die frühere Hamburger Konsumkette Pro nach verlustreichen Jahren von der co op-Zentrale in Frankfurt übernommen worden. Damit geriet auch die Pro, die in Niederlassung Nord umfirmierte, in den Einflußbereich der DGB-Gewerkschaften, die über die Bank für Gemeinwirtschaft die co op AG beherrschen. Bis dahin war die Mehrheit der Mitarbeiter in Hamburg in der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und auch die Betriebsräte waren überwiegend DAG-Mitglieder. So auch Betriebsratschef Klaus-Dieter Albers. Nach der Übernahme der Pro durch die co op freilich sahen sich Betriebsräte und einfache DAC-Mitglieder im falschen Verein – sie wechselten zur Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten. „Ein politischer Einfluß der DAG in der Unternehmensgruppe co op“, so hatte die NGG die Kollegen in Flugblättern überzeugt, ist somit für jedermann erkennbar nirgends vorhanden. Und etwas massiver: „Ihre Arbeitsplätze bei co op Nord sind nur gesichert durch den Deutschen Gewerkschaftsbund und der mit ihr verbundenen Gemeinwirtschaft.“

Für den Betriebsratsvorsitzenden Klaus-Dieter Albers, der immerhin über 25 Jahre DAG-Mitglied gewesen war, hat sich der Gewerkschaftswechsel gelohnt. Er wurde im Juni 1982 als Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsrat der co op gewählt. Und er konnte sich – mit 100 000 Mark – auch an dem Anlageobjekt Sarstedt beteiligen. Damit aber geriet auch Albers in den Verdacht, bei Personaleinsparungen und Versetzungen nach Sarstedt in Interessenkonflikte geraten zu sein.