Warum uns der Gang zum Arzt so teuer zu stehen kommt – Eine Diagnose der Kostenexplosion im deutschen Gesundheitswesen

Von Erwin Brunner und Wolfgang Gehrmann

Der Doktor meinte es nur gut. „Ich verschreibe Ihnen jetzt einmal“, erklärte er dem Patienten, der seit langem schon wegen seines Blutzuckers bei ihm in Behandlung war, „dieses neue Medikament, Glibenclamid ratiopharm.“

Schon tags darauf sprach der Diabetiker erneut in der Praxis vor. Das neue Präparat tauge nichts, er wolle wieder seine gewohnte Arznei, das Blutzucker-Mittel Euglucon N.

Beide Mittel unterscheiden sich einzig in ihrem Preis: 120 Tabletten Euglucon N kosten 39,40 Mark, die gleiche Menge Glibenclamid ratiopharm 15,00 Mark; der Wirkstoff beider Präparate ist identisch. Doch dem Glauben folgend, daß nur gut sei, was auch viel kostet, beharrte der Patient auf der Verordnung des doppelt so teuren Euglucon. Dem Arzt blieb keine andere Wahl, denn auch eine Rückfrage bei der Ortskrankenkasse brachte ihm keine Rückendeckung. „Wir zahlen selbstverständlich alles“, so beschied der Kassenangestellte den Arzt, „was Sie verordnen.“

Die Alltagsszene in der Hamburger Stadtrandpraxis ist symptomatisch für ein schweres Leiden: unsere Gesundheit wird zu teuer. Kranke werden mit einem Übermaß an ärztlichen Handreichungen versorgt, schlucken zu viele und zu teure Pillen, gönnen sich goldenen Zahnersatz, medizin-technische Superleistungen im Krankenhaus und dann und wann eine Kur auf Kassenkosten.

All dies ist nicht länger bezahlbar. Krankheiten und ihre Heilung kosten in der Bundesrepublik jährlich weit über 200 Milliarden Mark – dreizehn Prozent der gesamten volkswirtschaftlichen Leistung, Tendenz: steigend. Allein die gesetzlichen Krankenkassen hatten 1984 Ausgaben von 108 Milliarden Mark. 1970 kamen sie noch mit 24 Milliarden Mark aus.