Sind die Süchtigen, die Ausgeflippten, die Dekadenten, die Verruchten das Gewissen der Welt? Rock-Stars schaffen, was Politiker und selbst Sportler nicht mehr fertigbringen: die Erde zu vereinen, von Moskau bis Philadelphia, von London bis Tokio, und sei es nur für 16 Stunden, und sei es nur am Bildschirm. Das Live Aid- Konzert für Afrika, dieser Hungerchor der Satten, brachte Milliarden auf die Beine und Millionen in die Kassen. Man mag sich daran stören, daß die Bilder von Hungernden inzwischen der musikalischen Umrahmung bedürfen, um das allgegenwärtige Desinteresse zu überlisten – den Hungernden selbst wird es egal sein.

Die ausgelassenste Anti-Hunger-Aktion der Erdgeschichte war gleichzeitig eine Eroberung des Alls, eine friedliche Antwort auf den Krieg der Sterne, ein Woodstock im Himmel, das sich immer weiter von Afrika entfernte, je länger es dauerte. Der Weltraum ist bestens gerüstet, um die Stars des Globus via Satellit zu lärmenden Kreuzzügen zusammenzuschalten – eine schöne Vision. Das interkontinentale Happening, das lässige Herumhopsen auf der Erdkugel („We are the world“) wird den meisten länger in Erinnerung bleiben als die Dürre in der Sahel-Zone. Immerhin: für die Hungernden gibt’s 200 Millionen Mark. Ein schönes Andenken. C. S.