Von Ulrich Schiller

Washington, im Juli

Der Präsident hat Krebs!" Der Arzt Dr. Rosenberg sagte es ohne jeden dramatischen Unterton, fast leise. Seine Feststellung traf die Journalisten in dem zum Pressezentrum umfunktionierten Hörsaal des Marinehospitals in Bethesda wie ein Keulenschlag. Mochte der angesehene Spezialist vom Nationalen Institut für Krebsforschung nach seiner Diagnose auch noch so beredt und überzeugend darauf verweisen: "Die Chance ist größer als 50 Prozent, daß der Präsident keinen Krebs hat, daß keine Krebszellen in seinem Körper sind und er vollkommen geheilt ist" – an jenem Kernsatz des ärztlichen Befundes gab es nichts zu rütteln. "Dieser Satz ‚Der Präsident hat Krebs‘ hat unsere politische Landschaft, vielleicht sogar die Welt verändert", schrieb unmittelbar danach die Kolumnistin Mary McGrory. "Ein Schatten der Ungewißheit ist auf die Präsidentschaft Reagans gefallen", konstatierte die Washington Post, und Tom Brokaw begann die NBC-Abendschau mit der Meldung, die er eine "schockierende Nachricht" nannte.

Was für ein Sturz! Dabei war die Operation am vergangenen Sonnabend so glatt verlaufen. Fast drei Stunden Dauer sind bei der Entfernung eines Tumors samt eines Drittels des Dickdarms nichts Ungewöhnliches. Ronald Reagan habe aus der OP-Station zurück in sein Krankenzimmer laufen wollen, denn er fühlte sich nach seinen eigenen Worten "fit wie eine Fiedel", beschrieb Larry Speakes, der Pressesprecher des Weißen Hauses, am Sonntag mit strahlender Miene die Verfassung des Patienten. Chefchirurg Dr. Oller befeuerte noch den Höhenflug freudiger Gedanken und Gefühle, indem er den rasch einsetzenden Erholungsprozeß des Patienten als "spektakulär", "süperb" und angesichts des Alters Ronald Reagans – 74 Jahre – als "überdurchschnittlich" bezeichnete. Doch tickte da auch eine Uhr. Der Gewebebefund war abzuwarten. Ein Tumor von fünf Zentimetern Länge war entfernt worden, auch einige Lymphgefäße, um sicher zu gehen. Aber ob der Tumor gutartig oder bösartig war, das zu erkennen lag, allein bei den Histologen. Sie brauchten dann 48 Stunden.

In Washington war es der bisher heißeste Tag des Jahres, stickig und feucht. Das Atmen fiel schwer. Nichts davon ließen sich die Geheimdienstbeamten anmerken, die vor einem riesigen, die Auffahrt zum Hospital gegen Terroranschläge blockierenden Lastzug den Präsidenten und seine Berater abschirmten. Sicherheitsbeamte und Metalldetektoren auch in den Korridoren und Versorgungstrakts des Marinehospitals in der nordwestlichen Vorstadt Washingtons. Am Montag nachmittag sollte die Diagnose veröffentlicht werden. Aber die Stunden vergingen. Ob man vielleicht die Schließung der Börse abwarten wollte, fragte ein zynischer Kollege. Eine Fernsehreporterin hatte ein dickes Handbuch der Chirurgie mitgebracht. Es erwies sich als hilfreich. Sie war die erste, die feststellte, daß der Tumor als "Dukes-B-Krebs" zu identifizieren war. Überlebenschancen des Patienten: sechzig Prozent.

Man sah ihren Gesichtern an, daß keine Freudenbotschaft zu verkünden war, als sie den Pressesaal betraten: Larry Speakes, der Sprecher des Präsidenten, Chefchirurg Dr. Oller in Marineuniform und der Krebsspezialist Dr. Rosenberg. Eine halbe Stunde hatten die Ärzte gebraucht, um Nancy Reagan zu informieren und ihre Fragen zu beantworten. Sie vertrat noch am gleichen Abend ihren Mann bei einem Diplomatenempfang im Weißen Haus. Dem Präsidenten waren fünf Minuten genug, die Wahrheit über seinen Zustand zu erfahren. "Ich bin froh, daß alles raus ist", sagte er, mehr nicht. Doch wie geht es weiter mit ihm?

Darmkrebs liegt in der Familie Reagan. Der Vater war vor zwölf Jahren, der Bruder vor zwei Wochen operiert worden. Bestrahlungen oder eine chemotherapeutische Behandlung sind im Fall Ronald Reagans nicht vorgesehen. Diese Entscheidung der Ärzte ist unter Medizinern umstritten – genauso übrigens wie die Frage, ob nach der Entfernung eines ersten Polypen im März vergangenen Jahres nicht der ganze Darm hätte untersucht werden müssen. Vermutungen, dies sei unterblieben mit Rücksicht auf den Wahlkampf und einen unvorteilhaften Vergleich mit dem "gesunden" Mondale, weist das Weiße Haus entschieden zurück. Beunruhigend ist aber die Ungewißheit, ob der bösartige Tumor vor seiner Entfernung nicht doch Metastasen in den Blutkreislauf ausgeschwemmt hat. Reagan wird sich also regelmäßigen und häufigen Untersuchungen unterziehen müssen. Leber und Lunge sind die Organe, die am meisten gefährdet sind. Die Folgen einer ständigen, der Öffentlichkeit in allen Phasen und Einzelheiten berichteten medizinischen Beobachtung des Präsidenten sind noch schwer abzuschätzen.