Von Anne Linsel

War deine Mutter so wie du? Eine Zwölfjährige fragt ihre Mutter. Nein, sagt die vorschnell, stell dir das Gegenteil vor. Frage und Antwort sind Anlaß zum Rückblick dieser Mutter auf eine betrogene Kindheit und Jugend ohne Zärtlichkeit, voller körperlicher und seelischer Schmerzen und Wunden, die ihr die Mutter zugefügt hat.

Kein neues Thema: auf die Auseinandersetzungen mit den Vätern folgten – in Film und Buch – die mit den Müttern (etwa Bergmans „Herbstsonate“, Rahel Hutmachers „Tochter“, Elfriede Jelineks „Klavierspielerin“). Waltraud Anna Mitgutsch hat das Drama einer Mutter-Tochter-Beziehung mit Blick auf drei Generationen geschrieben. Die Autorin, Mutter eines vierjährigen Sohnes, wurde 1948 in Oberösterreich geboren, studierte Germanistik und Anglistik, reiste nahezu durch die ganze Welt und lebt seit 1979 in Boston, wo sie deutsche Sprache und Literatur unterrichtet. „Die Züchtigung“ ist ihr erster Roman. „Seine Gestalten sind frei erfunden“, heißt es am Anfang des Buches – eine Schutzbehauptung.

„Kinder müssen unbedingt geschlagen werden, sonst wird nichts aus ihnen, wer sein Kind liebt, der spart die Rute nicht“, lautete das Erziehungsmotto der Mutter. Sie hat es grausam-zwanghaft befolgt:

„Schläge, das bedeutete nie einen spontanen Zornausbruch, auf den Betretenheit und Versöhnung folgen konnten. Das begann mit einem Blick, der mich in ein Ungeziefer verwandelte. Und dann das Schweigen, in dem noch nichts entschieden war und in dem es doch kein Entkommen mehr gab. Das Verschulden wurde von diesem Schweigen verschluckt, es wurde nie erörtert. Ausreden, Erklärungen, Entschuldigungen gab es nicht. Da stand das Vergehen, vom Bananenfleck auf dem Kleid bis zur verweigerten Nahrungsaufnahme, unsühnbar, und plötzlich war das Vergehen nur mehr Symbol für die ungeheure Schlechtigkeit, für die keine Züchtigung ausreichte. Hol mir den Teppichklopfer, befahl sie, oder, hol mir den Prügel. Das war ein armdicker Holzprügel, den sie im Lauf der Erziehung an mir entzweischlug. “

Schläge als Bestrafung, Therapie, Prophylaxe, Schlagen als Ritual, als Ersatzbefriedigung, als Gottesdienst:

„Es gab unantastbare Regeln bei diesen Schlagritualen, die ich nie zu durchbrechen gewagt hätte, weil ich überzeugt war, die Strafe würde sich sonst ins Unvorstellbare, Unüberlebbare steigern. Ich durfte mich nicht hinter Möbel oder unter dem Tisch verstecken, ich durfte nicht versuchen, über die Stiege oder durch die Tür zu entkommen, und ich durfte keinen Gegenstand zwischen mich und das Züchtigungsinstrument bringen. Es handelte sich ja beim Schlagen um einen ernsten, geradezu feierlichen Vollzug, um einen Dienst im Namen eines höheren Gesetzes, der nicht durch ein Versteck- oder Nachlaufespiel ins Lächerliche gezogen werden durfte.“