Von Sigrid Löffler

Biographisches Material? Aber selbstverständlich. Sofort. Der Informationsdienst der Vereinten Nationen in der Wiener UN-City hat den Lebenslauf griffbereit, sogar in zwei Ausfertigungen. Die eine Version umfaßt vier Maschinenschriftseiten, auf weißem Papier; die andere ist die Kurzfassung – eine Seite, dafür in Himmelblau.

Beide Versionen haben das Leben weggedörrt bis auf splittrige Karriere-Stichwörter und einen knochentrockenen Ämterkatalog. Schiere Information ohne den geringsten Nährwert.

Ein Lebenslauf, der außer erstklassiger Funktionstüchtigkeit nicht viel verrät. Demnach hat Leticia Ramos Shahani, Jahrgang 1929, die Tochter des früheren philippinischen Außenministers, drei ausländische Universitätsgrade erworben: den Bachelor of Arts in Wellesly, Massachusetts, den Master of Arts an der Columbia Universität in New York und ein Doktorat an der Pariser Sorbonne. Das war 1961. Drei Jahre später hat sie die Aufnahmeprüfung für den philippinischen diplomatischen Dienst bestanden.

Die Diplomaten-Laufbahn Frau Shahanis muß man sich aus den 33 aufgelisteten Ämtern selber zusammenklauben. Sie scheint als Attaché an der philippinischen UN-Botschaft begonnen zu haben, erwarb sich in zwanzig Jahren eine reichhaltige Erfahrung im internationalen Konferenz-Zirkus, hat sich durch zahllose UN-Gremien und Kommissionen hindurchgesessen und war Botschafterin ihres Landes in Rumänien und Australien. Seit 1981 fungierte sie in der Wiener Filiale der Vereinten Nationen. Sie leitet hier ein Ding, das im UN-Kürzelwelsch "CSDHA" heißt und hinter dem sich eine Abteilung für soziale Entwicklung verbirgt. Sie ist die Witwe des indischen Publizisten und Professors Ranjee Shahani und hat drei erwachsene Kinder. Sie hat ein Buch geschrieben ("Die Philippinen – Land und Leute"), das immerhin sechs Auflagen erlebt hat, besitzt einen rumänischen Orden und wurde, was einen nach dieser Biographie nicht verwundern kann, in Manila zu einer der "zehn herausragenden Frauen der Philippinen" ernannt.

Die ditte Weltfrauenkonferenz in Nairobi zum Abschluß der UN-Dekade der Frauen leitet Leticia Shahani als Generalsekretärin. Für Einzel-Interviews steht Frau Shahani nicht zur Verfügung. Der Sitzungsstreß im Vorfeld der Nairobi Konferenz, you understand. Man versteht. Aber ein Lunchtime Press Briefing ließe sich einschieben, are you Coming? Man kommt.

Graues Schneiderkostüm, rote Seidenbluse ("klassisch"), Perlen im Ohr ("schlicht"), ein Taschenzwitter aus Damenhandtasche und Aktenkoffer ("multifunktional"). Frau Shahanis Auftreten ist wie ihr gestanzter Lebenslauf: makellos, geschliffen, perfekt, bis zur Unscheinbarkeit. Was sie eigentlich zu sagen hat, verbirgt sich hinter dem Internationalen Gremien-Englisch, mit dem UN-Diplomaten die krassesten Weltkonflikte sprachlich zu neutralisieren pflegen. Vollkommen geläufig geht ihr dieses diplomatoide Geschäftsordnungs-Idiom von den Lippen: die dritte Session des vorbereitenden Gremiums für Nairobi sei leider inkonklusiv gewesen, die involvierten Streitpunkte waren komplexer Natur, die Situation war schwer zu rektifizieren; Immerhin seien auf informeller Ebene Konsultationen gepflogen worden, mit dem Resultat, daß eine Reihe eingeklammerter Paragraphen nicht ausgeklammert, sondern entklammert werden konnte. Die Frage des prozeduralen Reglements sei noch ungeklärt, die Tagesordnung nur provisorisch, allerdings habe es einen Kompromiß beim Problem des sechsten Vizepräsidenten-Sitzes gegeben, die Implementierung globaler Strategien in Nairobi sei also nicht ausgeschlossen, einen fairen Spielraum für Give-and-take-Verhandlungen immer vorausgesetzt. Irgendwelche Fragen?