Von Manuela Reichart

„Welch unmögliches, furchtbares Sehnen ... Welche Liebe.“ „La femme du Gange“

Auf dem Titel das Photo eines hübschen jungen Mädchens mit seelenvollem Blick, dessen Ausdruck an Marlene Dietrich erinnert. In einem Interview hat Marguerite Duras die Photographie einmal schlicht kommentiert: „Da bin ich 18 Jahre alt.“

Auf der ersten Seite ihres erfolgreichsten Buches –

Marguerite Duras: „Der Liebhaber“, aus dem Französischen von Ilma Rakusa; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1985; 194 S., 25,– DM

liest man: „Sehr bald in meinem Leben war es zu spät. Mit achtzehn war es zu spät. Zwischen achtzehn und fünfundzwanzig nahm mein Gesicht eine unerwartete Richtung. Mit achtzehn bin ich gealtert.“

Marguerite Duras, die französische Theater-, Roman- und Filmautorin, kann nach über vierzigjähriger literarischer Arbeit (ihr erster Roman „Les Impudents/Die Schamlosen“ erschien 1943) den größten Erfolg ihres schriftstellerischen Lebens feiern. Prix Goncourt, vor einem halben Jahr schon die Nachricht, 7000 Exemplare würden in Frankreich Tag für Tag verkauft; französische Zeitungen druckten die Verkaufskurve ab, als handelte es sich um eine Aktie. Marguerite Duras hat eine autobiographische Geschichte geschrieben: „Auch für die Erinnerungen ist es zu spät. Jetzt liebe ich sie nicht mehr. Ich weiß nicht mehr, ob ich sie geliebt habe. Ich habe sie verlassen. Ich habe den Duft der Haut meiner Mutter nicht mehr im Kopf, die Farbe ihrer Augen nicht mehr in meinen Augen. Ich erinnere mich nicht mehr an ihre Stimme, nur manchmal an jene sanfte Stimme der Erschöpfung am Abend. Das Lachen, ich höre es nicht mehr, weder das Lachen noch ihr Geschrei. Es ist vorbei, ich erinnere mich nicht mehr. Darum fällt es mir jetzt so leicht, über sie zu schreiben, so ausführlich, so gelassen, sie ist zur Schreibschrift geworden.“